Gesundheit : Wo ist der Stau, wo ist der Ausweg?

Hans-Jürgen Ewers

Zehn Millionen Bewegungen pro Tag müssen Berlins Straßen über sich erfahren lassen. Die Hauptstadt ist nicht nur ein Ballungszentrum mit hohem Verkehrsaufkommen, sie ist auch gekennzeichnet durch ein steigendes Mobilitätsbedürfnis. Um künftig den günstigsten und schnellsten Weg von A nach B zu finden, sollen nicht nur die zuständigen Behörden wie Polizei oder Verkehrsleitzentralen einen schnellen Zugriff auf die Verkehrsdaten bekommen, sondern auch der Bürger. Wie lange dauert eine Fahrt von Grunewald nach Pankow mit dem Auto? Spart man Zeit, wenn der Pkw am Alexanderplatz geparkt und die U2 in Richtung Pankow genutzt wird? Egal, ob im Internet zu Hause, per SMS auf dem Handy oder in absehbarer Zeit an mehr als 30 Bushaltstellen - künftig kann der Nutzer rund um die Uhr einen individuellen Straßenverkehrsbericht abrufen.

Um das zu realisieren, haben jetzt im Auftrag des Berliner Senats DaimlerChrysler und die Siemens AG mit dem Aufbau einer Verkehrsmanagementzentrale (VMZ) begonnen. Mit dem 30-Millionen-Projekt soll ein aktuelles Bild der Straßensituation gewonnen und an die Verkehrsteilnehmer weitergegeben werden. Bereits vorhandene Informationsquellen werden dafür genutzt. Hinzu kommt der Aufbau eines Netzes von terrestrischen Sensoren, die über die Stadt verteilt angebracht werden. Metallschleifen in den Fahrbahnen, die das Autoaufkommen messen, gehören ebenso dazu wie Laserscanner, die in einer Höhe von fünf bis 15 Metern an den Strecken angebracht werden, oder moderne Web-Kameras. Eine davon zielt bereits auf den Verkehrsknotenpunkt Potsdamer Platz.

Um eine Echtzeit-Information zu gewährleisten und das Verkehrsaufkommen, das sich auf die Stadt zu bewegt, einarbeiten zu können, startete am 1. September 2001 ein weiteres Pilotprojekt in Berlin. Wissenschaft und Wirtschaft gehen dabei Hand in Hand und entwickeln ein luftgestütztes System zum Verkehrsmonitoring. Ein oder mehrere Flugzeuge, die mit Sensorpaketen bestückt sind, sollen dann bestimmte Verkehrsbereiche Berlins aus der Luft erfassen. Digitale Kameras und Infrarotgeräte kommen dabei zum Einsatz. Die Entwicklung einer flugzeuggestützten Kameraplattform sowie die Übertragung, Verarbeitung und Auswertung der gelieferten Bilddaten vom Berliner Stadtgebiet sind weitere Teilvorhaben. Informationen über Verkehrsdichte und Geschwindigkeit einzelner Fahrzeuge werden gemeldet sowie die verfügbaren Parkplätze.

Die auf unterschiedliche Weise gesammelten Daten gelangen per Funk an eine Zentralstelle, die sie für die Nutzung durch Behörden oder den Bürger aufbereitet. Außerdem stehen als Ortungssensoren für einzelne Fahrzeuge seit langem 24 GPS-Satelliten zur Verfügung. Diese Satelliten in amerikanischer Regie sollen durch europäische ergänzt werden. Die Entscheidung darüber wird Ende November fallen.

Weiterhin sollen optische Informationssysteme an Berlins Straßen und Knotenpunkten installiert werden. Eine digitale Kamera wird bereits am Großen Stern erprobt. Mit diesem Projekt sollen die terrestrischen Sensortechnologien und die Vorhersagegenauigkeit verbessert werden.

Beide Vorhaben - das luftgestützte System zum Verkehrsmonitoring wie das optische Informationssystem - umfassen ein Fördervolumen von 16 Millionen Mark und werden vom Bundesforschungsministerium finanziell unterstützt. Fünf Wissenschaftseinrichtungen sowie zwölf Unternehmen arbeiten an der Umsetzung. Initiator des Vorhabens ist der Anwendungsverbund Verkehrssystemtechnik Berlin (FAV), eine Initiative der Technologiestiftung Berlin (TSB), und ein Aninstitut an der TU Berlin. Mit dem Zuschlag für das FAV-Vorhaben konnte die Region Berlin/Brandenburg sich in einem großen Konkurrenzfeld behaupten und schafft die Voraussetzung für eine internationale Schlüsselrolle in einem zukunftsträchtigen Wachstumsmarkt. Die Arbeitsplätze in diesem Sektor - so die Prognose - sollen sich dadurch mittelfristig verdoppeln.

Die Bildung von Kompetenzzentren, so hat Manfred Gentz vor kurzem im Tagesspiegel geschrieben, ist als wirtschafts- und technologiepolitische Strategie zum Aufbau künftiger Industrien in Berlin unverzichtbar. In der Verkehrstechnik erfüllt Berlin die Voraussetzungen für ein Zentrum mit Weltkompetenz bereits weitgehend:

Das Geschäftsfeld ist wirtschaftlich nachhaltig, weil es weltweit auf lange Zeit wachsen wird. Die Region Berlin-Brandenburg hat heute schon einen erheblichen Besatz mit Unternehmen der Verkehrstechnik. Dazu gehören nicht nur große Player wie Siemens, Bombardier, DaimlerChrysler, BMW, sondern auch kleine und mittlere Zulieferer. Sie bieten insgesamt 48 000 Arbeitsplätze in der Region.

Berlin-Brandenburg hat bereits heute eine starke Forschung in der Verkehrstechnik und der Mobilität. Dies betrifft zunächst vor allem die Technische Universität Berlin mit Lehrstühlen auf allen Gebieten der Verkehrstechnik (Schienen-, Straßen-, Wasserstraßen- und Seeverkehr, Luft- und Raumfahrt) und der Logistik. Es betrifft auch die beiden anderen Universitäten Berlins, die Freie Universität und Humboldt-Universität, die Brandenburgische Technische Universität in Cottbus sowie eine Vielzahl außeruniversitärer Forschungseinrichtungen. Als prominenteste Einrichtung darf erst vor kurzem in Adlershof angesiedelte Verkehrsforschungszentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt gelten. Zusammen ergibt das 2000 Arbeitsplätze in der Verkehrsforschung.

Als Spinne im Netzwerk der Akteure gibt es auch schon ein Kompetenzzentrumsbüro, ohne das ein Kompetenzzentrum weder aufgebaut noch auf Dauer betrieben werden kann. Es handelt sich um den von der TU Berlin ausgegründeten "Forschungs- und Anwendungsverbund Verkehrssystemtechnik" (FAV). Er sorgt für die Systemfähigkeit kleiner und mittlerer Forschungs- und Entwicklungsanbieter bei größeren Projekten. Ein großes Projekt ist die Harmonisierung zukünftiger Bahnführerstände in Europa ("European Drivers Desk"). Hierfür fließen unter der Federführung des FAV fünf Millionen Euro nach Berlin. Insgesamt hat der FAV im Verlauf von weniger als drei Jahren Projekte im Gegenwert von mehr als 80 Millionen Euro nach Berlin geholt. Das ist eine hervorragende Quote, wenn man bedenkt, dass in derselben Periode kaum mehr als eine Million Berliner Haushaltsmittel in die Organisation geflossen sind.

Aber nicht immer werden die Umstände so glücklich sein, wie sie in den vergangenen drei Jahren für die Forschung und Technikentwicklung auf dem Gebiet des Verkehrs in Berlin waren. In schlechteren Zeiten braucht man den unlängst im schwarzen Loch des Berliner Haushaltsdefizits fast vollständig verschwundenen Zukunftsfonds. Man braucht ihn auch für ein Leuchtturmprojekt der Berliner Verkehrspolitik, ohne das ein Weltkompetenzzentrum Verkehr in Berlin einfach nicht denkbar ist. Denn eine Stadt wie Berlin kann nur dann wirklich glaubwürdig behaupten, überragende Kompetenz auf dem Gebiet des Verkehrs und der Mobilität zu besitzen, wenn sie selber in der Lage ist, mit ihrem eigenen Verkehr richtungsweisend umzugehen. Dies heißt, Berlin muss die in der Vision 2020 niedergelegten Ziele schon ernst nehmen und mindestens an einer Stelle bereits in den nächsten fünf Jahren fassbar umgesetzt haben - ein mustergültiges Verkehrsmanagement fürs Privatauto, Fahrrad, Bahn und Bus. Hier fehlt es bislang an politischem Willen - der neben der Parkraumbewirtschaftung wohl auch die Erhebung von Straßenbenutzungsgebühren umfassen müsste - wie am Geld. Aber die Verheißung ist groß: Denn Berlin käme mit einem solchen Projekt nicht nur verkehrspolitisch in Fahrt. Die Produktion der dafür erforderlichen Technik brächte auch Arbeitsplätze nach Berlin. Und schließlich hätte es seine Reputation als Verkehrskompetenzzentrum und damit seine Attraktivität für einschlägige Ansiedlungen gesteigert.

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