Gesundheit : Wo liegt eigentlich Latein?

Anja Kühne

Früher, vor 2000 Jahren und noch sehr lange danach, sprach jeder Europäer, der auf sich hielt, Latein. Nur ein kleines Dorf leistete bekanntlich erbittert Widerstand. Heute hat sich das Blatt gewendet: Die Lateiner selbst sitzen jetzt in einem Dorf, das sie erbittert verteidigen. Im Zeitalter des globalen Wettbewerbs sieht sich kein anderes Schulfach unter einem ähnlichen Druck, immer wieder erklären zu müssen, warum es eine Existenzberechtigung hat: Während Griechisch ohnehin nur sehr wenige wählen, ist Latein immer noch diejenige Fremdsprache, die deutsche Gymnasiasten am dritthäufigsten lernen. Muss es für so viele wirklich eine tote Sprache sein, gerade jetzt, da die Welt zusammenwächst? Die Schüler sehen sich einer Explosion des Wissens gegenüber. Gehört Latein da immer noch zu den wesentlichen Lerninhalten?

Latein ist schwer. Kritiker sagen, dass auch nach zahllosen strapaziösen Schulstunden kaum einer Inschriften über alten Prachtbauten oder auf Grabstätten entziffern kann, geschweige denn Cicero lesen. Nach dem Latinum ein bisschen Küchenlatein - cui bono? Im Beruf kann man nach Ansicht deutscher Manager damit nicht viel anfangen, wie das Institut der deutschen Wirtschaft Köln bei seiner Umfrage "Mit Vergil in die Wirtschaft?" herausgefunden hat. Nur jeder Zweite der 354 von dem Institut Befragten, der selbst Latein gehabt hat, empfiehlt es heutigen Schülern.

Lateinlehrer: streng und beliebt

Bei Lehramtsstudenten hält sich die Begeisterung für das Fach ebenfalls in Grenzen. Nur wenige wollen es später unterrichten, weshalb der Altphilologenverband einen "großen Nachwuchsmangel" voraussagt. Und in der Kritik sind auch die Prüfungsordnungen geisteswissenschaftlicher Fächer, die Lateinkenntnisse von den Studenten verlangen: "Latinum in latrinam" - "In die Toilette mit Latein", forderte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft schon vor zehn Jahren in Nordrhein-Westfalen.

Seit Latein 1972 vom Pflicht- zum Wahlfach herabgestuft wurde, hat sich der Anteil der lateinlernenden Schülern zwar deutlich verringert. Lernten 1962 noch 57 Prozent der Gymnasiasten Latein, waren es im Schuljahr 1999/2000 nur noch 26 Prozent. In den letzten zehn Jahren schwankte die Zahl derjenigen Schüler, die Latein wählen, allerdings nur um einige Tausend (siehe Grafik). In Ostdeutschland, wo es früher nur wenige Latein-Spezialklassen gab, ist sie nach der Wende gestiegen. In Berlin lernten im Schuljahr 1997/1998 10,1 Prozent aller Schüler Latein, im Schuljahr 2000/2001 waren es 10,6 Prozent.

Warum noch Latein? Aus Sicht vieler Eltern spricht einiges für den seit Jahrzehnten immer wieder totgesagten Patienten. Besonders diejenigen wollen, dass ihr Kind Latein wählt, die es für "intelligent und lernfreudig" halten, sagt Andreas Fritsch, Professor für Lateindidaktik an der Freien Universität Berlin. Eltern, die die vorrangige Aufgabe der Schule nicht darin sähen, praktische Fertigkeiten für den Beruf zu vermitteln, wie Computerkenntnisse.

Latein ist ein Lernfach, "es braucht Kontinuität und erzwingt eine bestimmte Arbeitshaltung", meint Fritsch. Eben das wüssten viele Eltern zu schätzen: "Die Lateinlehrer sind in der Schulzeit oft die strengsten. Aber im Nachhinein oft die Beliebtesten, weil sie einem das Arbeiten beigebracht haben." Nicht selten helfen dabei Nachhilfelehrer: Latein gehört zu den nachhilfeintensivsten Fächern, wie Fritsch einräumt. Um einen Satz zu übersetzen, müsse man 20 Denkschritte mehr bewältigen als im Englischen. "Wenn Kinder nur lernen sollen, was ihnen Spaß macht, ist Latein sicher nicht das richtige Fach."

Allerdings erfreut sich Latein bei manchen Schülern größerer Beliebtheit, als das Klischee es will. Die Lateinlehrer des Berlin-Neuköllner Ernst-Abbe-Gymnasiums haben die Lateiner der Schule gefragt, ob sie das Fach wiederwählen würden. Auf den Fragebögen antworteten 62 Prozent mit "ja". Nur 1,2 Prozent sagten "auf keinen Fall". Das Ergebnis überrascht schon deshalb, weil sich die Klientel der Schule gerade nicht aus dem deutschen Bildungsbürgertum rekrutiert: Zwei Drittel der Schüler sind solche mitnicht-deutscher Muttersprache, besonders aus der Türkei und Osteuropa. Die Hälfte derjenigen Siebtklässler, die sich für Latein entscheidet, hat nicht-deutsche Wurzeln. Zwei Drittel der Schülerschaft ist mit einer Realschulempfehlung auf die Ernst-Abbe-Schule gekommen.

Bei der Umfrage sagten 60 Prozent, dass Latein "meistens Spaß macht", 24 Prozent, dass es ihnen "manchmal" gefällt. Niemand gab aber an, dass es nie Spaß mache. Fast die Hälfte der Lateiner hielt die Lateinkenntnisse für nützlich für andere Fächer, weil es dadurch leichter falle, Fachtexte zu verstehen.

An der Ernst-Abbe-Schule hat sich unter den ausländischen Schülern herumgesprochen, dass man mit Latein besonders gut Deutsch lernt, berichtet die Lehrerin Carola Fengler. Ähnliche Erfahrungen machen neuerdings auch andere Schulen, wie etwa die Diesterweg-Schule in Berlin-Wedding: "Die ausländischen Schüler sprechen oft nur scheinbar gut Deutsch, weil sie alles vermeiden, was sie nicht können", meint Fengler. Der Lateinunterricht gibt Gelegenheit, auch die deutsche Grammatik intensiv kennen zu lernen und die Muttersprache zu reflektieren. Wie etwa die Hilfsverben, die es im Türkischen ebensowenig gibt wie Artikel.

Römisches Essen kochen

Oder wie die Personalpronomen, die Fengler ihrer siebten Klasse in dieser Stunde beibringen will - und das möglichst ohne Frontalunterricht. Die Schüler sollen die Regeln aus den Beispielen auf dem Arbeitsbogen selbst ableiten und die Unterschiede zwischen dem Englischen, dem Deutschen und dem Lateinischen benennen. Im Anschluss üben sie gemeinsam an ihren Gruppentischen mit einem Dominospiel, an anderen Tagen ist es ein Karten- oder ein Memoryspiel. "Sollen wir die Vokabeln zu Hause auswendig lernen?" fragt einer. Das will Fengler nicht: Die Schüler sollen vor allen Dingen mit den Vokabeln arbeiten, "dann könnt ihr sowieso schon die Hälfte". Für die Schüler mit ausländischen Wurzeln besteht die Hausaufgabe darin, bei ihren Eltern in Erfahrung zu bringen, was er/sie/es/wir/ihr/sie auf Polnisch, Türkisch, Russisch und Arabisch heißt.

Damit das tote Latein im Leben der Schüler einen Sitz findet, kochen die Schüler an Projekttagen auf einem selbstgebastelten römischen Herd römisches Essen oder vergleichen das Forum Pompeji mit dem Forum Neukölln. In den Lehrbüchern wird das als staubig verrufene Fach schon länger mit Lektionen über Kämpfe auf Leben und Tod im Colosseum oder die Liebe zwischen Marcus und Cornelia aufgepeppt. Und an vielen Schulen üben die Schüler Grammatik teilweise am Computer.

Für viele Schüler entsteht im Lateinunterricht der erste Kontakt zur euro-asiatischen Geschichte und zu gemeinsamen kulturellen Wurzeln heutiger Nationen. Ebenso für manche Eltern, die selbst aus bildungsfernen Schichten kommen: "Wo liegt eigentlich Latein?" hat eine türkische Mutter Carola Fengler gefragt. Latein kann helfen, lebende romanische Sprachen zu lernen. Aber für den Fachdidaktiker Fritsch von der FU ist das nicht das entscheidende Argument: "Latein lernt man um seiner selbst willen, weil es Teil der kulturellen Identität Europas ist, ein bis heute allgegenwärtiges Erbe."

Diese Sicht hat nach Meinung des Altphilologen zur Zeit aber keine Konjunktur: "Heute muss man den ganzen Unterricht rechtfertigen, ob es nun eine Ballade von Schiller ist oder Geschichte überhaupt", meint er. "Wenn die historische Dimension für überflüssig erklärt wird, wird Latein zur Sache für Spezialisten, zum Orchideenfach." Doch glaubt Fritsch an bessere Zeiten. Nach dem Computerboom werde man bald wieder nach Inhalten verlangen und fragen: "Was ist so wertvoll, dass wir es der nächsten Generation übermitteln wollen?"

Solange diese Zeiten für die Altphilologie aber noch nicht angebrochen sind, können die Lateiner ihr Fach auch mit dem praktischen Nutzen rechtfertigen. Carola Fengler berichtet von dem ehemaligen türkischen Schüler, der sie acht Jahre nach seinem Abitur auf der Straße ansprach. Er war Bauingenieur geworden: "Das Latein habe ich nie mehr gebraucht. Aber dass ich keine Probleme mit der deutschen Sprache habe, verdanke ich nur Ihnen."

Wer Latein im Studium braucht

Von "Schocks" und "Tragödien" berichten Studierende geisteswissenschaftlicher Fächer, die festgestellt haben, dass sie für ihren Abschluss Lateinkenntnisse vorweisen müssen. Zwar gehört der Nachweis des Latinums oder zumindest einiger Lateinkenntnisse gemäß vieler Prüfungsordnungen nicht zu den Eingangsvoraussetzungen, wird dann aber in den geisteswissenschaftlichen Studiengängen (darunter auch den fremdsprachlichen Philologien) zur Zwischenprüfung, im Examen oder bei der Promotion verlangt. Das ist auch an zahlreichen ausländischen Hochschulen so.

Die Kurse an den Unis, in denen die Kenntnisse nachgeholt werden können, gelten als besonders hart, weil in kurzer Zeit ein großes Pensum bewältigt werden muss. Die Durchfallquoten sind hoch. Eine Alternative zur Uni sind Crashkurse an Privatschulen, die manche Studenten in den Semesterferien belegen. Der Vorteil liegt in den niedrigeren Teilnehmerzahlen. Die Kurse dauern zwischen drei Wochen und zwei Monaten und kosten zwischen 125 und 450 Euro.

Wer Latein gleich in der Schule lernt, kann später im Studium Zeit und Mühe sparen, vielleicht auch eine Tragödie (Schauerberichte Betroffener und eine Übersicht über Fächer, für die man oft Latein braucht, unter http://members.aol.com/medicamina/latgraec.htm ). Eine Möglichkeit besteht aber auch darin, diejenigen Unis mit lateinfreien Prüfungsordnungen zu suchen, die es meist gibt.

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