Gesundheit : Wo sind sie geblieben?

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Von Amory Burchard

Generalmajor Alexandr Kuleschew wurde am 13. Juli 1942 in Iljuchino am Don gefangen genommen und in das Lager Krementschug gebracht. Von dort kam er im September in das Lager Hammelburg (Bayern). Drei Monate später wurde er an die Gestapo überwiesen. Danach verliert sich Kuleschews Spur. In Ufa wartete seine Frau Klawdija in Wohnung 20 in der Straße der Oktoberrevolution 3 vergebens auf ihn. Solche, oft noch wesentlich genauere Angaben kann eine Forschergruppe unter der Federführung der Stiftung Sächsische Gedenkstätten jetzt über 50000 Offiziere der Roten Armee machen. Die Auswertung der Offizierskartei aus den Beständen der Wehrmachtsauskunftsstelle begann im September 2000 und steht kurz vor dem Abschluss.

Akten lagern bei Moskau

„Auch nach mehr als 57 Jahren können noch viele individuelle Schicksale aufgeklärt werden", sagt Reinhard Otto von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Nachdem jetzt alle Daten digitalisiert seien, könnten endlich die unzähligen Anfragen von Ehefrauen, Kindern und Enkeln in Deutschland „verschollener" Kriegsgefangener beantwortet werden. Das von Bund und Ländern finanzierte Erschließungsprojekt verfolgt jedoch noch ein zweites Ziel: der deutschen und russischen Geschichtswissenschaft endlich umfangreiches Forschungsmaterial zu einer der größten Opfergruppen des Nationalsozialismus zur Verfügung zu stellen. Von bislang geschätzten 5,5 Millionen Gefangenen kam weit über die Hälfte unter katastrophalen Bedingungen in provisorischen Lagern um oder sie wurden in Konzentrationslagern ermordet.

Warum wendet sich die Forschung den sowjetischen Kriegsgefangenen der Jahre 1941 bis 1945 so spät zu? Warum mussten ihre Familien so lange auf verlässliche Nachrichten warten? „Sie sind die vergessenen Opfer des NS-Völkermordes", sagte Peter Jahn, Direktor des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst, jetzt anlässlich der Vorstellung des Projekts. Zum einen entdeckte Reinhard Otto die Akten der Wehrmachtsauskunftsstelle erst 1996 wieder - im Zentralen Archiv des russischen Verteidigungsministeriums in Podolsk bei Moskau. Die Karteien der von der Wehrmacht gefangen genommenen Sowjetsoldaten waren 1943 von Berlin nach Meiningen ausgelagert worden, wo sie 1945 von der Roten Armee beschlagnahmt und „mit unbekanntem Ziel" abtransportiert wurden. Zum anderen kamen die sowjetischen Kriegsgefangenen auch dem kollektiven deutschen Gedächtnis abhanden.

In der Nachkriegszeit, erklärte Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terros, waren nur die Opfergruppen in der Öffentlichkeit präsent, „die eine Lobby hatten". Den jüdischen Gemeinden in Deutschland sei es gelungen, für die zu sprechen, die ermordet wurden. „Aber wer in Deutschland sollte für die sowjetischen Kriegsgefangenen sprechen?" In der Zeit des Kalten Krieges rückten sie noch weiter ans Ende der „Opferhierarchie". Auch in der Sowjetunion hatten die in Gefangenschaft geratenen Rotarmisten keine Lobby, erklärte der Moskauer Historiker Pawel Poljan, Autor der ersten russischen Studie über die Kriegsgefangenen. Rückkehrer wurden Opfer der spätstalinistischen Repressionen. „Es gibt keine Kriegsgefangenen, nur Verräter", hatte Stalin bestimmt.

Das Schicksal der Rotarmisten in deutschen Lagern prägte ein Befehl Hitlers: „Der Kommunist ist vorher kein Kamerad und hinterher kein Kamerad. Es handelt sich um einen Vernichtungskampf." Die Genfer Konvention sollte für diese Gefangenen nicht gelten - unter dem juristisch nicht haltbaren Vorwand, die Sowjetunion habe sie nicht unterschrieben.

An die Gestapo überwiesen

Über die Behandlung der Kriegsgefangenen lassen sich auf den Karteikarten viele Details ablesen. So gibt es neben genauen biographischen Angaben auch Vermerke über Lazarettaufenthalte, Krankheiten und Gewicht der Gefangenen. Ihre Wege durch Lager wie Hammelburg, Bergen-Belsen (Niedersachsen) oder Zeithain (Sachsen) und auch die Zusammenarbeit von Wehrmacht, SS, Gestapo und Reichssicherheitshauptamt können rekonstruiert werden. Leistete ein Gefangener gegen die unmenschliche Behandlung Widerstand, so wurde er zum „Untragbaren" erklärt und - wie Generalmajor Kuleschew - pro forma aus der Kriegsgefangenschaft entlassen. Darauf folgte umgehend die Überstellung an die Gestapo, die sie in Konzentrationslager einlieferte. Das bedeutete in den meisten Fällen den sicheren Tod der Rotarmisten.

Bislang lag nur eine größere wissenschaftliche Arbeit über die sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland vor: Christian Streits zuerst 1979 erschienene Studie „Keine Kameraden". Streit konnte sich allerdings nur auf lückenhafte Wehrmachtsakten aus dem Bundesarchiv und Materialien des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses stützen.

In der ersten Phase der Erschließung der wiederentdeckten Wehrmachtsakten war das Pilotprojekt „Offizierskartei" mit 350000 Euro für fünf wissenschaftliche Mitarbeiter in Deutschland und etwa 25 Archivare und Datenerfasser in Russland ausgestattet. In der zweiten, im Herbst 2002 beginnenden Phase sollen die Karteikarten von mehreren Hunderttausend Unteroffizieren und Mannschaftsgraden eingescannt und ausgewertet werden. Sie lagern ebenfalls im Militärarchiv in Podolsk und - wie jetzt bekannt wurde - darüber hinaus in regionalen Archiven.

Dort liegen auch sowjetische Akten über deutsche Kriegsgefangene, deren Aufarbeitung in der zweiten Projektphase mit angegegangen werden soll. Denn auch in Deutschland, sagt Projektleiter Klaus-Dieter Müller von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, warten noch viele Frauen und Kinder auf verlässliche Nachrichten.

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