Gesundheit : Wo weniger mehr ist

Im Alter reagiert der Körper oft empfindlicher auf Arzneimittel

Rosemarie Stein

Wirksame Arzneimittel sind von hohem Nutzen. Sie können das Leben verlängern oder doch verbessern, vor allem auch im Alter – wenn die richtigen ausgewählt und wenn sie richtig angewandt werden. „Viel hilft viel“ ist ein verhängnisvoller Irrglaube. Die Warnung des Paracelsus „Allein die Dosis macht das Gift“ gilt noch. Das zeigte eine Vortragsreihe über „Arzneitherapie im Alter“ beim Geriatriekongress in Berlin.

Frau A. wurde in ausgezehrtem Zustand ins Krankenhaus gebracht, mit Durchfall, Übelkeit, Lungenentzündung und Krampfanfällen wie bei Epilepsie. Die Altersleiden der noch nicht Siebzigjährigen, darunter eine chronische Bronchitis, hatten sich bisher in Grenzen gehalten. Warum nun diese Krise? Mehrere Ärzte, die alle der Patientin etwas Gutes tun wollten, hatten ihr insgesamt 16 Medikamente verordnet. Und sie hatte sie brav geschluckt – Ältere sind da oft besonders gewissenhaft. Besser ging es ihr erst, als nach kritischer Sichtung die meisten Mittel weggelassen wurden und nur die wirklich notwendigen übrig blieben.

Mit dieser Krankengeschichte illustrierte Martina Andritsch, Klinische Pharmazeutin in Wien, erschreckende Zahlen: Vier bis 20 Prozent (je nach Studie) der Klinikpatienten werden wegen schwerer Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten eingeliefert. Die Zahl solcher Fälle hat in den letzten 20 Jahren nicht abgenommen, und alte Menschen sind besonders oft betroffen, schon, weil sie häufig mehrere Leiden zugleich behandeln lassen müssen.

Die 26,5 Prozent der über 60-Jährigen unter den gesetzlich Krankenversicherten erhielten 2005 56 Prozent aller verordneten Arzneimittel, so zitierte der Hamburger Geriater Wolfgang von Renteln-Kruse aus dem „Arzneiverordnungs-Report 2006“. Manche nehmen trotzdem nicht die notwendigen Mittel etwa zur konsequenten Behandlung des Bluthochdrucks. Viele schlucken Unnötiges, auch selbst verordnet und ohne Wissen des Arztes. Manchmal ist ein Präparat für den Patienten nicht geeignet, und oft wird bei der Dosierung die veränderte Physiologie des alternden Organismus nicht berücksichtigt.

Das fängt bei etwas ganz Simplem an: „Kein Kinderarzt würde es versäumen, die Arzneimitteldosis dem Körpergewicht anzupassen“, sagte von Renteln-Kruse, „aber bei älteren Patienten wird das sehr oft vergessen. Selbst im Krankenhaus werden sie nicht immer gewogen.“ Alte Menschen sind nicht selten unterernährt und zu leicht. Der Wasserhaushalt und die Muskelmasse des Körpers verringern sich im Alter, und im Verhältnis dazu kann der Fettanteil steigen.

Manche Medikamente aber werden im Fettgewebe gespeichert, etwa Schlaf- und Beruhigungsmittel. So sammeln sich zum Beispiel Benzodiazepine (wie Valium) bei täglicher Einnahme im Körper an, sind also im Alter relativ überdosiert. Die Folge: Man ist auch am Tage benommen, geht unsicher, kann leicht stürzen und sich womöglich den Oberschenkelhals brechen. Die relative Überdosierung vieler Arzneimittel hängt auch mit dem im Alter veränderten Stoffwechsel zusammen. So lässt zum Beispiel die Funktionsfähigkeit der Leber und der Nieren nach, jener Organe, in denen die Wirkstoffe abgebaut werden. Dadurch verstärken sich Wirkungen und Nebenwirkungen.

Welches Ausmaß diese Funktionsminderung haben kann, zeigt ein Beispiel aus dem Ärztehandbuch „Arzneiverordnungen“, das die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft herausgibt: Die Nieren eines 44 Kilo leichten 90-Jährigen weisen im Vergleich zu den Nieren eines 70 Kilo schweren 20-Jährigen Patienten nur noch ein Drittel der Filterfunktion auf. Bei Dauerbehandlung mit Medikamenten, die über die Nieren ausgeschieden werden, ist es daher unerlässlich, die Nierenfunktion regelmäßig zu bestimmen und die Dosis entsprechend anzupassen. „Dreimal täglich eine Tablette“ – das ist als grobes Schema allenfalls für Jüngere halbwegs brauchbar.

Medikamente werden fast nur an Jüngeren geprüft, so die Aussage auf dem Kongress. Denn Studien mit alten Menschen, die an mehreren Krankheiten leiden, lassen sich viel schwerer korrekt planen und ausführen. Die Ergebnisse der Prüfungen auf Wirksamkeit und Verträglichkeit – und erst recht die Dosierung – sind aber nicht einfach auf die Älteren übertragbar. Überdies werden die Besonderheiten der Arzneitherapie im Alter beim Medizinstudium und bei der ärztlichen Fortbildung vernachlässigt,wie von Renteln-Kruse bedauerte.

Ein paar Empfehlungen gab Pharmazeutin Andritsch: Arzneimittel mit wissenschaftlich gesicherter Wirksamkeit und möglichst geringen Risiken auswählen. Nur die tatsächlich notwendigen Medikamente verordnen (lassen). Die aber sollte der Patient zuverlässig nehmen, und er sollte seinen Zustand ärztlich überwachen lassen.

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