Gesundheit : „Wofür bezahle ich eigentlich?“

Die Uni Hannover nimmt Studiengebühren – das hilft aber nicht gegen überfüllte Hörsäle

Fabian Reinbold[Hannover]

Der erste Blick fällt aufs Geld. Auf das Einmachglas, das bis oben hin mit Münzen gefüllt ist. „Jetzt geht’s ans Eingemachte“ steht daneben. Es ist das Titelblatt eines Hannoveraner Hochschulmagazins, und wer das Hauptgebäude der Leibniz-Universität Hannover betritt, kann es kaum übersehen. Hundertfach liegt die Zeitschrift im Eingangsbereich.

Willkommen an einer Uni, an der bereits Realität ist, worüber die Hochschulpolitik seit Jahren diskutiert: Studiengebühren. 500 Euro pro Semester – die niedersächsische CDU-FDP- Landesregierung hat einen einheitlichen Betrag für alle Unis und Fächer festgelegt. Zum Wintersemester mussten die Studienanfänger zahlen, ab dem kommenden Sommersemester werden dann von allen Studenten Gebühren verlangt. Damit ist Niedersachsen gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen bei der Einführung allgemeiner Studiengebühren am schnellsten gewesen.

Nadine Neukamp ist eine von 2700 Erstsemestern an der Uni Hannover. Die 21-Jährige hat gerade ihr Bachelor-Studium der Sozialwissenschaften begonnen. Gegen Gebühren hat sie nichts. „Ich bin bereit, in meine Ausbildung zu investieren“, sagt Neukamp. „Aber jetzt erwarte ich auch viel.“ Im Moment seien die Hörsäle allerdings überfüllt. Wenn sie keinen Platz mehr bekomme, frage sie sich: „Wofür bezahle ich eigentlich?“

Unipräsident Erich Barke hatte einen ruhigen Sommer – zumindest im Vergleich zu seinen Amtskollegen in NRW. In Niedersachsen gab es kaum noch Proteste gegen die Gebühren. Die Landesregierung in NRW hatte es den einzelnen Hochschulen überlassen, ob sie Gebühren verlangen wollen. 28 von 33 haben sich dafür entschieden. Das hat den Unileitungen einen Sommer mit heftigen Protesten beschert. Gremiensitzungen wurden gestört, Präsidentenbüros tagelang besetzt, und in Bielefeld wurden Toiletten in Brand gesetzt. In Hannover fand die letzte Demonstration am 8. Dezember 2005 statt: dem Tag, an dem der Landtag das Gebührengesetz beschloss.

Nun sind die Gebühren Realität, doch weder Barke noch sein Vizepräsident für Verwaltung und Finanzen, Günter Scholz, wirken euphorisch. „Wir sind in keinem Geldrausch“, sagt Scholz. Immerhin: 2700 beitragspflichtige Studienanfänger mal 500 Euro macht 1,25 Millionen für dieses Semester. Ab kommendem Semester, wenn alle zahlen müssen, rechnet Scholz mit 20 Millionen Einnahmen jährlich. Das Gesamtbudget liegt momentan bei rund 230 Millionen Euro, in den letzten Jahren hat das Land der Uni rund 10 Millionen gestrichen. „In dieser Situation kann man jeden Euro gebrauchen“, sagt Scholz. Doch die Gebühren sind zweckgebunden, und da gebe es Unsicherheiten: „Was ist erlaubt und was nicht?“

Studiengebühren müssen für die Verbesserung der Lehre und der Studienbedingungen eingesetzt werden. Was sich im Gesetz einfach liest, ist in der Realität komplizierter. Schlecht ausgestattete Bibliotheken, schlechtes Betreuungsverhältnis und vor allem überfüllte Lehrveranstaltungen – das sind häufige Klagen der Studenten und zugleich die besten Argumente der Gebührenbefürworter.

Doch gegen die überfüllten Vorlesungen können Studiengebühren nach derzeitiger Regelung kaum Abhilfe schaffen. Das liegt an den Kapazitätsverordnungen. Die Zahl der Studienplätze, die eine Uni anbietet, richtet sich nach der Zahl der Lehrenden. Stellt die Uni nun zusätzliche Professoren ein, muss sie laut Hochschulrecht mehr Studenten aufnehmen. Zwar sagt die Landesregierung, die Einnahmen aus Gebühren seien nicht „kapazitätswirksam“. Doch im Unipräsidium befürchtet man, dass abgewiesene Studienbewerber mit Hinweis auf erhöhte Kapazitäten klagen würden. „So verbessert man nicht die Lehre, sondern macht nur die Türen auf“, sagt Vizepräsident Scholz. Auch Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter kann man mit dem Geld nicht schaffen. Diese arbeiten zur Hälfte in der Forschung – das widerspräche der Zweckbindung der Gebühren an die Lehre.

Momentan geht der größte Teil der Gebühreneinnahmen an die neun Fakultäten der Uni. Jede habe zwischen 50 000 und 80 000 Euro bekommen, sagt Scholz. Davon sind vor allem Tutorien für Erstsemester eingerichtet worden. Dort sollen in Kleingruppen die Einführungsveranstaltungen mit Hilfe von Studenten aus höheren Semestern nachbereitet und vertieft werden. Eine knappe halbe Million Euro wurde für längere Öffnungszeiten der Bibliotheken eingesetzt. Mit etwa 170 000 Euro wird die Infrastruktur verbessert, unter anderem für flächendeckenden Ausbau mit Wireless-Lan. Auch das gehöre zur Verbesserung der Lehre.

Strittig bleibt, ob die Gelder auch zur Vergabe von Stipendien eingesetzt werden dürfen. Präsident Barke würde das gerne tun. Schließlich soll niemand aus sozialen Gründen an der Aufnahme eines Studiums gehindert werden. Die Landesregierung sieht diesen Anspruch durch das sogenannte Studiendarlehen erfüllt. Die landeseigene N-Bank vergibt einen Kredit zur Deckung der Studiengebühren. Das geht dem Präsidenten nicht weit genug. Zu seinem Amtsantritt vor einem Jahr hatte er versprochen, dass Studenten, die sich Gebühren nicht leisten können, auch nicht zahlen sollen. Nun ist er dabei, die Wirtschaft zu bearbeiten, mehr zu spenden. Das sei aber „sehr mühsam“.

Das Studiendarlehen der N-Bank haben lediglich zehn Prozent der Hannoveraner Studienanfänger genutzt. Darunter ist Luisa Grimm. „Weder meine Eltern noch ich hätten die Gebühren bezahlen können, deshalb musste ich den Kredit aufnehmen“, sagt die 19-Jährige, die Germanistik und Sport auf Bachelor studiert. Sie ist bereit, für das Studium zahlen, aber „dann soll es auch was bringen“. Nicht nur seien ihre Vorlesungen überfüllt, auch in einem Tutorium sitze sie mit 60 Studierenden, kritisiert sie.

Ihre Kommilitonin Sonja Drüke hat in den Ferien gejobbt, damit sie das Studium aufnehmen kann. Das werde sie nun jedes Semester machen. „Nach dem Wintersemester habe ich erst vier Wochen Pflichtpraktikum, in den vier Wochen danach werde ich das Geld verdienen müssen“, sagt die Meteorologie-Studentin. Ferien? Fehlanzeige.

Das Zentrum des Widerstands gegen das Bezahlstudium liegt in einem grauen, zweistöckigen Nachkriegsbau, der direkt hinter dem prunkvollen Unihauptgebäude steht. Hier sitzt der Asta. „An der Qualität des Studiums ändert sich durch die paar Millionen gar nichts“, glaubt Daniel Brunkhorst, Sozialreferent im Asta. „Erst kürzt man und baut Lehrpersonal ab, jetzt bringt man wieder Geld rein, aber mit Studiengebühren kann man keine Professoren einstellen.“ Der Asta lehnt Gebühren prinzipiell ab und hat im Sommer entschieden, sich nicht an der Diskussion über die Verwendung zu beteiligen. „Der Präsident bestimmt, wie das Geld verteilt wird. Als Studierendenvertreter kann ich nichts ändern“, sagt Daniel Brunkhorst.

Auch Jan Fleischhauer ist gegen Gebühren. Dennoch beteiligt sich der studentische Vertreter im Unisenat an der Debatte darüber, wie man die Gebühren einsetzen soll. Er fordert vom Präsidium, dass Studenten nicht nur mitreden, sondern auch mitentscheiden dürfen. Auf Landesebene will Fleischhauer weiter gegen Gebühren kämpfen. Der 26-jährige Lehramtsstudent unterstützt den Boykott, den die Studierendenvertretung für das Sommersemester plant. Die Studenten sollen ihre 500 Euro nicht an die Uni, sondern auf ein sogenanntes Sperrkonto überweisen. Der Asta hofft, dass sich ein Viertel der Studenten daran beteiligt. Erreicht man diese Marke, will man das Geld zurückhalten und erneut mit Unipräsidium und Landesregierung verhandeln.

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