Gesundheit : Woher die Träume kommen

Im Schlaf läuft das Hirn zur Hochform auf. Es verarbeitet, was wir tags zuvor erlebt haben – dabei träumt es

Peter Spork

Noch schläft die Katze ruhig, gemütlich in sich zusammengerollt, eine Pfote bequem über den getigerten Kopf gelegt. Doch plötzlich springt sie auf, macht einen Buckel, sträubt ihr Fell. Aufgeregt rennt das kleine Raubtier im Käfig umher, hechtet nach Mäusen, die nicht da sind. Dann verkriecht es sich in eine Ecke, faucht ängstlich einen unsichtbaren Gegner an, um kurz darauf friedlich, hier und da schnuppernd auf und ab zu stolzieren, ganz so, als suche es in seinem Revier nach fremden Spuren. Doch nichts und niemand hat die Katze aufgeweckt. Egal wie viel sie springt, kratzt, faucht – sie schläft tief und fest. Bald wird sie sich wieder zusammenrollen und Ruhe geben.

Es ist das Jahr 1959, Universität Lyon. Die moderne Schlaf- und Traumforschung nimmt allmählich Fahrt auf. Und die seltsame Katze steuert einen gewaltigen Teil dazu bei. Der französische Neurophysiologe Michel Jouvet hat ihr vor einigen Tagen mit zielsicherem Schnitt einen kleinen Nervenstrang im unteren Stammhirn durchtrennt. Sie scheint völlig normal. Nur wenn sie jenen Zustand erreicht, den die Forscher paradoxen Schlaf nennen, zeigen sich die Folgen: Eigentlich dürften jetzt nur Augen und Barthaare zucken. Tatsächlich fängt das Tier an, Träume auszuleben. Sein Hirn spult tief verwurzelte Programme ab. Die Außenwelt dringt nicht in sein Bewusstsein.

Ohne Jouvet, sein chirurgisches Geschick und seine Katzen würden wir heute vielleicht immer noch denken, der Schlaf sei eine dem Tod verwandte Ruhezeit. Doch sein Experiment steht am Anfang vieler Studien, die bis in die jüngste Vergangenheit hinein immer klarer machen: Der Schlaf ist genauso vital wie die Wachheit. Wenn wir wegdämmern, schaltet sich das Wachbewusstsein ab, damit das Gehirn die Geschehnisse der Vergangenheit ungestört verarbeiten kann. Was es dabei denkt, bleibt uns zwangsläufig verborgen. Nur die Träume werfen Schlaglichter auf die Welt der Schlafarbeit und verraten uns deshalb oft, was uns im Innersten beschäftigt.

Auch Menschen schlafen mehrmals pro Nacht paradox. Dann wird das Gehirn besonders aktiv, und wie bei den Katzen bewegen sich die Augen heftig hin und her. Als die Chicagoer Physiologen Nathaniel Kleitman und Eugene Aserinsky dieses Phänomen 1954 als Erste beschrieben, gaben sie ihm den Namen „Schlaf mit schnellen Augenbewegungen“, auf Englisch „Rapid Eye Movement Sleep“, kurz REM-Schlaf. Sein Geheimnis enthüllt er im Elektroenzephalogramm, das die Hirnströme belauscht: „Die Ähnlichkeit zwischen dem Gehirn im REM-Schlaf und dem wachen Gehirn ist frappierend“, weiß Kleitmans berühmtester Schüler, William Dement von der Universität Stanford.

Lange dachte man deshalb zu unrecht, wir würden nur im REM-Schlaf träumen. Doch auch im Leicht- und Tiefschlaf ist das Hirn aktiv, erledigt wichtige Arbeiten und erzeugt Bilder. Es fällt uns aber schwerer uns an diese Träume zu erinnern. Außerdem sind die REM- Träume besonders ereignisreich. „Sie sind realer, emotionaler, bizarrer, wir bewegen uns in ihnen mehr und sehen mehr“, sagt Claudio Bassetti, Leiter der Neurologie am Universitätsspital Zürich.

Auch wenn der wahre Sinn des Schlafs trotz einer Fülle schlüssiger Theorien bis heute nicht bekannt ist – und folglich auch noch niemand sagen kann, warum wir träumen – ist klar, dass das schlafende Gehirn im REM-Zustand und im gewöhnlichen Schlaf verschiedene Aufgaben erledigt.

Dafür spricht nicht zuletzt die zentrale Erkenntnis aus Jouvets Katzenexperiment: Im REM-Schlaf ist die Aktivität des Gehirns anscheinend so heftig, dass die Muskelerschlaffung des gewöhnlichen Schlafs nicht ausreicht, unseren Körper ruhig zu halten. Das Gehirn sorgt zusätzlich über die von Jouvet durchtrennten Bahnen für eine fast vollkommene Lähmung der Skelettmuskulatur. Nur die Muskeln der Augen – und bei Katzen der Barthaare – sind von dieser REM-Lähmung nicht betroffen.

Die meisten Träume sind unspektakulär, auch wenn wir uns an die spannenden Träume nun einmal besonders gut erinnern. Es ist indes nicht so sehr die Handlung der Träume, die Hinweise gibt, was unser Gehirn beschäftigt. Es sind die Gegenstände, die Orte, vielleicht auch die Personen. Sie verraten uns, welche tags zuvor – im Büro, beim Training oder im Schulunterricht – häufig aktivierte, als besonders wichtig empfundene Schaltkreise das Gehirn gerade verdrahtet. Das erleichtert uns in Zukunft, alte Assoziationen erneut abzurufen, sprich uns zu erinnern.

Diese Schlafarbeit erkundet der Hirnforscher Jan Born von der Universität Lübeck. Er zeigte, dass wir nach dem Schlafen besonders leicht Geistesblitze bekommen, dass ein künstlich verstärkter Tiefschlaf die Gedächtnisbildung optimiert und – gerade erst von Born veröffentlicht – dass man die Schlafarbeit des Gehirns gezielt lenken und verstärken kann, indem man Versuchspersonen beim Lernen im Wachzustand und später beim Schlafen Rosenduft in die Nase gibt. Sein Credo: Wer vernünftig lernen will, sollte ausreichend schlafen.

Schlaf ist eine Grundvoraussetzung für die Arbeitsfähigkeit unseres Denkorgans. Im Schlaf sortiert und gewichtet es die Eindrücke des Tages. Uninteressantes wirft es weg, Wichtiges trainiert es virtuell. Dadurch können wir viele Dinge besser, wenn wir geschlafen haben, und so manches Problem löst sich über Nacht in Wohlgefallen auf.

Die Frage, woher die Träume kommen, ist also anscheinend beantwortet. Offen bleibt das Warum. Seit kurzem kennen die Neuroforscher nämlich ein spezielles Traumsystem, das aus einem Netz von Nervenzentren im inneren Großhirn besteht. Es scheint auch das schlafende Gehirn mit Bildern zu versorgen, aus denen wir unsere Traumerinnerungen beziehen.

Geht dieses Traumsystem, etwa in Folge eines Schlaganfalls, kaputt, verlieren wir die Fähigkeit zu träumen. Das ist extrem selten und scheint keine weiteren negativen Auswirkungen zu haben. Doch nur zum Spaß leistet sich die Natur ein solches System sicher nicht. Schlafforscher wollen es jetzt eingehend untersuchen. Sie hoffen, so gleich zwei der größten offenen Fragen der Biologie beantworten zu können: Warum Träumen wir? Und warum müssen wir schlafen?

0 Kommentare

Neuester Kommentar