Gesundheit : Wohin Gen wir?: Der Weg ist das Ziel - Der Mensch und seine biologische Entwicklung

Matthias Glaubrecht

Die Darwinsche Revolution - die Erklärung einer organismischen Evolution als ein durch Mutation, Selektion und Zufall dominierter historischer Vorgang - ist für viele Biologen die umwälzendste aller intellektuellen Revolutionen in der Menschheitsgeschichte. Immer noch der Klassiker der Evolutionsbiologie ist daher Charles Darwins epochales Werk "On the Origin of Species" (1859), auf Deutsch: "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl". Die Idee einer Evolution durch natürliche Auslese wurde zeitgleich und unabhängig auch durch den britischen Naturforscher Alfred Russell Wallace entwickelt. Maßgeblich dazu beigetragen haben dessen Reisen durch die indo-malaiische Inselwelt zwischen Singapur und Neuguinea, die Wallace ausführlich und eindrucksvoll in seinem 1869 erschienenen Buch "The Malay Archipelago" schildert, wegen seiner biogeografischen Beobachtungen ebenfalls ein Klassiker der Evolutionsbiologie.

Vom bedeutendsten Evolutionsbiologen nicht nur unserer Tage, sondern des 20. Jahrhunderts, dem Zoologen, Historiker und Biophilosophen Ernst Mayr stammt das vergriffene Werk "Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt. Vielfalt, Evolution und Vererbung". Den 1904 geborenen Mayr, der über lange Jahre an der amerikanischen Harvard University tätig war, mag man zu Recht als den "Darwin dieses Jahrhunderts" bezeichnen. Er ist einer der sogenannten Architekten der "Synthetischen Theorie der Evolution". In der "Gedankenwelt" wird der Grandseigneur der Evolutionsbiologie zum Geschichtslehrer par excellence, da Mayr wie kaum ein anderer zum Zeitzeugen der Fortschritte in der Biologie wurde. Mayr erweist sich in diesem Opus zugleich als Meister des Details, der Interpretation und der Synthese. Klar und kritisch erzählt er von der Entstehung der wichtigsten Ideen und Konzepte, die zur modernen Biologie führten, und liefert einen umfassenden Überblick über die Entwicklung der Evolutionsbiologie. Für den kurzen Überblick und zugleich als Einführung in die philosophischen Grundlagen der Biologie sei Mayrs jüngstes Werk empfohlen: "Das ist Biologie. Die Wissenschaft des Lebens". Darin entwirft Mayr eine neue Philosophie der Biologie, charakterisiert durch die Schlüsselstellung von Konzepten, Begriffen und Ideen. Einen auf Fallbeispiele gerichteten Überblick über das gesamte Gebiet der Evolutionsbiologie - von der Genetik bis zur Ökologie - liefert der Amerikaner Douglas Futuyma im Band "Evolutionsbiologie". Auf ungleich unterhaltsamere Art verbindet sein Harvard-Kollege Stephen Jay Gould wissenschaftliche Einsichten mit literarischen Ambitionen. Der Evolutionstheoretiker und Paläontologe Gould hat in neun Büchern eine faszinierende Sammlung naturkundlicher Essays vorgelegt hat, zuletzt "Illusion Fortschritt. Die vielfältigen Wege der Evolution". Die zentrale Aussage, dass nämlich Darwinsche Evolution ungerichtet ist und keineswegs zu einem höheren Ziel (gar dem Menschen!) strebe, ist alles andere als neu. Aber aus der Feder von Gould liest sich dies besonders überzeugend. Ebenfalls um die Wirkungsweise der natürlichen Selektion geht es einem anderen - im besten Wortsinn - Geschichtenerzähler, dem britischen Zoologen Richard Dawkins in "Gipfel des Unwahrscheinlichen. Wunder der Evolution". Ebenso wie in seinem Bestseller "Das egoistische Gen" sieht der überzeugte Darwinist Dawkins Lebewesen auch weiter als bloße Vehikel der Gene an. Mit den dramatischen Entwicklungen auf dem Gebiet der Molekulargenetik kommen bislang offenbar weder die Forscher selbst, geschweige denn Sachbuchautoren oder gar Wissenschaftshistoriker mit: Bislang gibt es kein allgemein verständliches Werk zum Thema.

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