Gesundheit : Wohin Gen wir?: Komm und lass uns einen Dino klonen - Der Mensch und das Erbgut: Interessen und Erkenntnisse

Bernhard Epping

Für manchen Börsianer ist sie einfach nur die Schlüsseltechnologie der Zukunft, für viele Kritiker birgt sie immer noch vor allem enorme Gefahren - vergleichbar nur mit denen der Kernspaltung. Wie kaum eine andere Neuerung aus den Labors der Forscher entzweit die Gentechnik die Gemüter. Kein Wunder, dass es die eine "objektive" Darstellung von Gentechnologie und Genetik nicht gibt - schon die Auswahl des erzählten Stoffs verrät den Standpunkt des Autors.

Wenngleich gute Darstellungen daran zu erkennen sind, dass sie die Fakten präzise schildern. Als Einstieg in das Thema eignet sich immer noch das derzeit vergriffene "Genom - Möglichkeiten und Grenzen der Genforschung" von Ernst-Ludwig Winnacker. Der heutige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, DFG, führt den Leser in lockerem Plauderton durch den Aufbau der DNA, die Funktion von Genen, erklärt unsere Verwandtschaft mit Affen und Bakterien, weist nach, warum wir trotz aller Forschungsanstrengung wohl kaum jemals älter als 120 Jahren werden und gibt launige Tipps für das Klonen von Dinosauriern.

Wie unantastbar ist der Embryo?

Dabei spart Winnacker nicht mit klaren Bekenntnissen zur Nutzung der Gentechnik. Aktuellen Bezug gewinnt das Bändchen, das in manchen Passagen etwa zur Rinderseuche BSE leider überholt ist, vor allem durch Winnackers eindeutiges Bekenntnis zum Verbot der Forschung an menschlichen Embryonen: Die Arbeit an menschlichen Föten spräche "jedem Anspruch an Menschenwürde Hohn". Es bleibt die spannende Frage, ob die DFG unter Winnackers Leitung weiterhin bei dieser Position bleibt, oder nicht doch schon bald Arbeiten mit embryonalen Stammzellen fördert, die aus menschlichen Embryonen gewonnen werden. Eine der brillantesten Übersichten zur Gentechnik liefert einer ihrer ausgewiesensten Kritiker, wenngleich Jeremy Rifkin, Präsident einer Stiftung für ökonomische Trends in Washington, sich in seinem Buch "Das Biotechnische Zeitalter" gerade nicht als fundamentalistischer Bilderstürmer entpuppt. Er analysiert vielmehr feinsinnig das komplexe Wechselspiel zwischen "gen"technischem Fortschritt, gesellschaftlichen - sprich: wirtschaftlichen - Interessen und den vermeintlich objektiven Paradigmen, unter denen die Nutzbarmachung der Gene überhaupt möglich wurde.

Gentests, Gentherapie, Patente auf Gene, Eugenik sind zentrale Themen des Buches. Eine Schlüsselthese des Autors: Gentechnologie als "Kunstform" löse womöglich schon bald die klassische Naturwissenschaft ab. Wo jene bislang nach den objektiven Gesetzen der Natur suchte, stelle der Mensch mittels Gentechnik womöglich bald einfach selber die Regeln auf. Praxisnah versteht sich hingegen "Vererbung und Ererbtes - ein humangenetischer Ratgeber" von Jörg Schmidtke. Das Buch wendet sich vor allem an Betroffene, die selber vor der Entscheidung stehen, einen Gentest zu machen oder nicht. Schmidtke, Professor für Humangenetik an der Medizinischen Hochschule Hannover, beschreibt, bei welchen Krankheiten heute Gentests in Frage kommen, was sie verraten und was nicht. Und er beleuchtet Probleme, die eine anwachsenden Probleme die genetische Daten schon bald für den Abschluss von Versicherungen oder am Arbeitsplatz aufwerfen können. Der Band besticht durch Faktenfülle, setzt aber Fachwissen voraus. Im Anhang findet sich ein nützliches Verzeichnis humangenetischer Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen in der Bundesrepublik.

Eine gut lesbare Schilderung der Forschungsgeschichte der Genetik - von der Erbsenzählerei eines Gregor Mendel bis hin zu aktuellen Versuchen mit Gentherapie - bietet Matt Ridley mit seinem "Alphabet des Lebens". Die 23 menschlichen Chromosomen liefern dem britischen Wissenschaftsautor den Erzählfaden. Für jedes Chromosom stellt er in einem eigenen Kapitel einige der Gene vor, die auf ihm liegen - berichtet von Genen die für Intelligenz, für Asthma oder Homosexualität sein sollen.

Ridley streift die Evolution des Menschen, erklärt, welchen Stempel Infektionskrankheiten in unseren Genen hinterlassen haben, und erläutert die Geschichte von BSE - kaum ein Thema der modernen Biologie, das derart in dem breiten Überblick nicht Platz hätte. Mit allzu kritischen Geistern in Sachen Gentechnik ist der Autor rasch fertig - werde ein Thema wichtig für Greenpeace sei das "sicheres Anzeichen für Populismus". Der deutsche Wissenschaftsjournalist Werner Bartens betont in seinem Buch "Die Tyrannei der Gene" hingegen vor allem die Schattenseiten der gezielten Analyse und Manipulation des Erbguts.

Das Kind nach Maß?

Überzeugend schildert er die Verquickung von Fortpflanzungsmedizin und moderner Humangenetik. Bartens plädiert dabei für strengere Grenzen bei der Pränataldiagnostik - der genetischen Untersuchung von Embryonen im Mutterleib. Sonst drohe die Gefahr, dass schon bald das Kind nach Maß Realität wird. Sehr interessant ist auch sein Abriss der Geschichte der Eugenik - von den Spartanern bis zu den schrecklichen Auswüchsen der Rassenlehre im 20. Jahrhundert. Allzu oft konstruierte der Staat mit grässlichen Folgen eine Idee von "gesundem Erbgut" seiner Bürger - in Deutschland wie wir wissen, am kriminellsten.

Heute erfolgt Eugenik versteckter - sie orientiere sich, so der Autor, an der Gesundheit und Befindlichkeit des Einzelnen. Doch schon denken in den USA Wissenschaftler wieder offen über gentechnische Verbesserung des Menschen nach.

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