Gesundheit : „Wohin gen?“

Die Aktion Mensch präsentierte Fragen zur Bioethik

Elke Binder

Was passiert, wenn wir Menschen klonen können? Sollen behinderte Embryonen abgetrieben werden? Mit einem Theaterstück, in dem diese und viele andere Fragen gestellt wurden, feierte am Mittwoch Abend die Aktion Mensch der Deutschen Behindertenhilfe den Erfolg ihrer Kampagne zur Bioethik. Nach der Aufführung im Berliner Zeughaus wurden die im „Buch der 1000 Fragen“ gesammelten Ängste und Hoffnungen aus der Bevölkerung Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und weiteren Ehrengästen überreicht.

Die mit den Fragen ausgedrückten Standpunkte waren kontrovers. In einem waren sich Veranstalter, Experten und Fragende aber einig: Die Entwicklungen in der modernen Medizin und Gentechnik stellen die Gesellschaft vor eine Vielzahl neuer Herausforderungen. „Wir wollten deutlich machen, dass diese bioethischen Diskussionen von großer Bedeutung für jeden Einzelnen sind und nicht allein von Experten entschieden werden können“, sagte Dieter Gutschick, Geschäftsführer der Aktion Mensch.

Mit dem Projekt sollte deshalb ein Meinungsbildungsprozess in der Bevölkerung angestoßen werden. Das ist gelungen: Nicht 1000, sondern mehr als 8000 Fragen und mehr als 35000 Kommentare waren in den vergangenen Monaten auf der dafür eingerichteten Internetseite www.1000fragen.de eingegangen.

Eine Woche lang hatte die Aktion Mensch diese Probleme dann auf Veranstaltungen in Berlin, der „Stadt der 1000 Fragen“, thematisiert. Niemand sollte sie übersehen: „Beginnt Karriere bald schon im Reagenzglas?“ war über dem Brandenburger Tor, „Gibt es ein Leben ohne Leid?“ auf der Siegessäule und schließlich „Wohin gen?“ am Zeughaus zu lesen.

Über alledem stand jedoch eine große Frage: „In was für einer Gesellschaft möchten wir in Zukunft leben?" Thierse versuchte, darauf eine Antwort zu geben: „Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der wir ohne Angst verschieden sein können, und in der wir nicht nur daran gemessen werden, wie leistungsfähig wir als Arbeitskräfte und Konsumenten sind.“ Man müsse sich aber auch der Frage stellen, ob wir aus Angst medizinischen Fortschritt verpassen, der Leid beseitigen könnte, sagte Thierse.

Dreh- und Angelpunkt der meisten Kommentare waren tatsächlich unsere Begriffe von Krankheit, Gesundheit und Normalität. Viele hinterfragten die Vorstellung, Behinderung sei vermeidbar und die pauschale Gleichsetzung von Behinderung und Leid. Neben dem großen Interesse an solchen kritischen Diskussionen deckte das Projekt aber auch Wissensdefizite auf. Auch darin liegt eine Gefahr: Das begünstige ebenso überzogene Ängste wie utopische Heilserwartungen, sagte ein Vertreter der Aktion Mensch.

Viele Fragen wurden gestellt, Antworten gab es jedoch wenige. Die sollten auch nicht gegeben werden. „Man muss sich davor hüten, diese Fragen in Abstimmungen entscheiden zu wollen“, sagte Spiros Simitis, Vorsitzender des Nationalen Ethikrates . „Es gibt kein Ja oder Nein.“ Es gibt nur weitere Fragen: Wer ist berechtigt, Antworten zu geben? Welche Argumente können vorgebracht werden? Damit wird sich die Aktion Mensch im kommenden Jahr beschäftigen. Dabei will das Projekt auch in Zukunft vor allem eine Plattform für Gespräche sein.

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