Gesundheit : Wolfgang Schwerdt erforscht die mittelalterlichen Fabeltiere

Ingo Bach

Eine richtige Drachenhöhle, nein, das ist Wolfgang Schwerdts Wohnung in Charlottenburg nicht. Von einer düsteren Atmosphäre, gar dem Geruch von Pech und Schwefel, ist in dem sonnendurchfluteten Büro nichts zu spüren. Und die etwa 60 Drachen, die sich in den Wandregalen drängeln, haben fast etwas Liebenswertes - vor allem wegen ihrer handlichen Größe.

"Die meisten meiner Drachen habe ich selbst kreiert", sagt Schwerdt stolz. Aus Gipsbinden formt Schwerdt die schlangenförmigen Körper und grimmigen Köpfe seiner Kreaturen. Manchen verpasste er Flügel, anderen drahtige Kragen und lange Barthaare. Einige Körper sind Schuppen-geschmückt, nur wenige aalglatt. Und sie sind in den verschiedensten - meist düsteren - Farben lasiert.

Die "Geburt" der Fabelwesen muss bei Wolfgang Schwerdt sehr schnell gehen. Nachdem der Gips zum Verarbeiten mit Wasser versetzt wurde, härtet er in fünf Minuten aus. Doch der "Schöpfungsakt" an sich dauere viel länger, betont der Herr der Drachen. "Über Tage hinweg entwickele ich in meinem Kopf die Idee für eine neue Drachenfigur. Sie ist bis in die Details fertig, bevor ich dann an die Ausführung gehe."

Zwischen 200 und 5000 Mark kosten Schwerdts Kreaturen. Es gebe eigentlich keinen seiner Drachen, von dem er sich nicht trennen würde. "Ich kann ja jederzeit neue machen." Das Wertvollste sei das Machen an sich, sagt Schwerdt. "Danach ist das fertige Stück zwar eine Weile ganz schön, doch es nimmt Platz weg für die folgende Drachengeneration."

Doch der Verkauf solcher Fabelwesen ist ein schwieriges Geschäft. Über die einschlägigen Märkte, auf denen Händler dem Mittelalter hinterherhecheln, tingelt Schwerdt mit seinen Figuren nicht: "Das kostet zuviel Zeit und bringt zuwenig ein." Anders ist es bei großangelegten Ausstellungen, wie im Mai diesen Jahres, als 1150 Gäste in Weißenfels seine Drachen bestaunten - und kauften. Für diese Ausstellung hatte Schwerdt jede Menge Erd-, Feuer- und Walddrachen kreiert. Langfristig will Schwerdt mit seinen Kreationen auch seinen Lebensunterhalt bestreiten. "Der Markt dafür ist da, das ist sicher." Aber noch kann er vom Drachenhobby nicht leben - geschweige denn seine Leidenschaft finanzieren. Denn Schwerdt ist nicht nur Hersteller und Sammler von Drachen, er möchte sie gern auch wissenschaftlich erforschen.

Seit frühester Jugend habe ihn die keltische Sagenwelt fasziniert, sagt der heute 48-Jährige. "Da spielen Drachen fast immer eine zentrale Rolle." Später, als freier Journalist, produzierte er sogar einige Rundfunkbeiträge zum Thema. "Und als Ausgleich für die Schreibtischarbeit fing ich an, Drachen zu basteln." Inzwischen hat er auch seinen ersten Fantasy-Roman verfasst - "Die Drachenwächterin" -, den er im Eigenverlag unter die Leute bringt.

"Das ist wie bei jedem anderen Hobby auch." Aber im Gegensatz zu einem Bierdeckelsammler sei sein Interesse wesentlich komplexer. "Ich will die wissenschaftlichen Hintergründe der Drachenlegenden erforschen." In Deutschland fehle es bisher an einer richtigen Drachenforschung, meint Schwerdt. "In den bisherigen Veröffentlichungen werden zwar die verschiedenen Erscheinungsformen von Drachen und der sie umrankenden Legenden penibel inventarisiert. Aber eine wissenschaftliche Forschung ist selten." Sie anzustoßen, hat sich der Verein zur Förderung der Drachenforschung auf seine Fahnen geschrieben, den Schwerdt im Februar 1999 aus der Taufe hob und dessen Vorsitz er dabei gleichzeitig übernahm. Mehr als 20 Mitglieder habe man inzwischen gewonnen und auch einen wissenschaftlichen Beirat unter der Leitung des Byzantinistik-Professors Ralph Lilie von der Freien Universität konstituiert. Der Beirat soll die Anträge auf Forschungsförderung prüfen. "Allerdings werden wir wohl erst im nächsten Jahr in der Lage sein, wissenschaftliche Projekte finanziell zu unterstützen. Noch fehlt uns das nötige Geld", so Schwerdt. Deshalb suche man Sponsoren, "besonders Firmen, die in ihrem Logo einen Drachen führen."Die Volkshochschule Wilmersdorf bietet ab dem 7. Oktober einen Kurs zur Drachenforschung an. Referent: Wolfgang Schwerdt. Anmeldung unter Telefon: 8641 2267

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