Gesundheit : Wolfgang und Hans Mommsen: Die Eliten haben die Freiheit riskant verspielt

Peter Steinbach

Zeithistoriker lenken den Blick auf die Entstehung der Gegenwart und kennen dabei in der Regel nicht den Ausgang ihrer eigenen Epoche. Deshalb macht ihre Forschung Geschichte zur politischen Wissenschaft, häufig umstritten in der eigenen Zunft, stets herausfordernd. Wolfgang J. und Hans Mommsen, die am 5. November ihren siebzigsten Geburtstag feiern, haben die deutsche Zeitgeschichtsforschung tief beeinflusst und machen eigentlich in jeder Arbeit deutlich, wie fruchtbar die Frage nach den Grundlagen der Gegenwart sein kann, ohne dass aus einer Wissenschaft eine politisierende Wissenschaft werden muss.

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit als Vorgeschichte gegenwärtiger Politik war den Geschwistern in die Wiege gelegt. Der Großvater Theodor Mommsen, Althistoriker, hatte sich immer auch als liberaler Kritiker des Obrigkeitsstaates verstanden. Der Vater Wilhelm Mommsen hatte nach einer Phase der Anpassung eine gewisse Distanz zu den nationalsozialistischen Machthabern aufbauen können, aus der sich sogar eine Nähe zu Regimegegnern entwickelte. Die "Grundtorheiten" ihrer eigenen Epoche ließen die Mommsen-Brüder seit ihrem Studium bei den großen Historikern Hans Rothfels und Werner Conze nicht los. Allerdings gingen beide klar unterscheidbare Wege.

Wolfgang J., der später in Düsseldorf lehrte und seine größte Wirkung als Direktor des Deutschen Historischen Instituts in London entfalten konnte, hatte sich zunächst mit dem politischen Menschen Max Weber beschäftigt, dem Kritiker des deutschen Obrigkeitsstaats, dem Propagandisten der imperialistischen Politik, dem großen Intellektuellen. Diesen Obrigkeitsstaat kritisierte Wolfgang J. Mommsen als Beispiel für eine imperialistische Außenpolitik, aber auch für die sich durchsetzende Untertanengesellschaft. Er lenkte den Blick auf die gesamte Epoche, schuf großartige Synthesen, die das längst vergangene "Handbuch der Deutschen Geschichte" von Brandt und Just noch einmal auf einen Höhepunkt führten und in einer weiteren glanzvollen Steigerung in dem Doppelband der Propyläen Geschichte Deutschlands mündeten.

Die Kritik des Obrigkeitsstaates führte zur Auseinandersetzung mit dem deutschen Sonderweg. So wurde er zum Interpreten liberaler Alternativen einer in die Katastrophe mündenden Politik, deren Ende 1945 als neuer Anfang begriffen wurde.

Auch Hans Mommsen stand ganz unter dem Eindruck dieser deutschen Katastrophe. Er hatte sich zunächst mit den europäischen Nationalismen beschäftigt und war dabei zum besten Kenner der Geschichte des habsburgischen Vielvölkerstaates geworden. In der Vielfalt der KuK-Monarchie wurde deutlich, wie sehr die europäische Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Spielräume leichtfertig einengte und nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs einer noch viel größeren zustrebte. Hans Mommsen sah in den Fehlentwicklungen, die in die moralische Katastrophe des Völkermords an den europäischen Juden mündeten, keine Zwangsläufigkeiten, sondern die Folgen eines von den Eliten zu verantwortenden Fehlverhaltens.

Er zeichnete ein kritisches Bild der deutschen Bürokratie im Übergang zur nationalsozialistischen Diktatur, machte die konservative Elite für die Zerstörung der Weimarer Republik verantwortlich und lotete gerade in den Tiefpunkten der deutschen Geschichte die leichtfertig und folgenreich verworfenen "Spielräume" der Politik aus. Wohl deshalb ließ Mommsen die Beschäftigung mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus und mit der Arbeiterbewegung niemals los. Im Dritten Reich sah er deshalb nicht allein die konsequente Umsetzung eines ideologischen, den Menschen verblendenden Programms, sondern die zunehmend weniger umstrittene Realisierung des Utopischen. Der Völkermord an den Juden blieb für Hans Mommsen stets der entscheidende Bezugspunkt einer bewusst und riskant verspielten Freiheit.

Zwangsläufigkeiten allerdings hat er niemals anerkannt, sondern immer wieder die Notwendigkeit betont, Politik als Ausdruck einer freien Entscheidung in ihr Recht zu setzen. Dieses Interesse führte Mommsen zur Neudeutung des Widerstands. Als junger Historiker hatte er fast handstreichartig die Verkrustungen geradezu ritualisierter Deutungen des Widerstands beseitigt und deutlich gemacht, in welchem Maße auch der Widerstand konservativer und militärischer Eliten gegen den NS-Staat durch obrigkeitsstaatliche Vorstellungen und den Willen zur Beherrschung Mitteleuropas bestimmt blieb. Das zeugte von Zivilcourage, vom Willen zum Unkonventionellen bis zur Verletzung anderer.

Politikwissenschaft und Geschichte haben Wolfgang J. und Hans Mommsen niemals trennen wollen. Es gibt kaum einen unter den Kollegen, der sich nicht einmal über die konsequent diskutierenden und keineswegs jeden Streit vermeidenden Geschwister geärgert hätte. Dies ist nicht erklärungsbedürftig, wenn man streitbar ist und in der Sache bis zum klärenden Punkt kommen will. Viel überraschender ist aber, dass es bei aller Bereitschaft zur vehement ausgetragenen Kontroverse keinen gibt, der die Geschwister nicht zu den wichtigsten Historikern ihrer Zeit zählte. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass Geschichte intellektuelle Leitdisziplin bleiben konnte.

Beide verkörpern den Willen zur historisch-politischen Aufklärung. Deshalb war es durchaus Programm, wenn Hans Mommsens Schüler die ihm gewidmete Festschrift betitelten: "Von der Aufgabe der Freiheit". Aufgabe - gemeint ist Preisgabe und Herausforderung zugleich. Bezugspunkt blieb für beide die politische Freiheit als Grundlage eines freiheitlichen Verfassungsstaates. So gesehen, blieben sie Enkel des großen Theodor Mommsen, der in seinem Testament erklärt hatte, er wünschte "eigentlich nur, Bürger zu sein".

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