Gesundheit : Womit die Politik gut beraten wäre

Berlins Wissenschaftssenator a.d.

TURNERS THESEN

zu Bildung und Politik

Das Verhältnis von Wissenschaftlern und Politikern gewinnt besondere Bedeutung, wenn der Rat des Experten gefragt ist. Dem Engagement der Politikberater folgt oft die Ernüchterung, weil ihr Rat nicht beherzigt wird. Enttäuschte Wissenschaftler zögern dann, neuerlichen Anfragen zu entsprechen. Wenn ein Gemeinwesen funktionieren soll, ist es jedoch darauf angewiesen, dass diejenigen, die dazu in der Lage sind, ihre Kompetenz einbringen – gewissermaßen als Gegenleistung für die Vorteile, die sie aus den staatlich finanzierten Hochschulen gezogen haben. Ob man dies als „Bringschuld“ oder als staatsbürgerliche Verantwortung ansieht, mag dahinstehen.

Allerdings sollten wissenschaftliche Politikberater sich von parteipolitischer Rücksicht und vorauseilendem Gehorsam freimachen. In der Tat gibt es Professoren, die unter dem Mantel der Wissenschaft der Politik gefällig sein wollen. Der Effekt ist meist nur kurzfristig, weil schnell ein Gegengutachten parat ist. Der Schaden aber ist dauerhaft, weil das Ansehen der Wissenschaft beschädigt wird.

Die Verantwortung dafür tragen nicht nur Wissenschaftler, die sich als Alibi missbrauchen lassen. Auch die Auftraggeber sind schuld. Einmal ist es die Auswahl von Experten oder Gutachtern, bei der man weiß, wer unabhängig und wer willfährig ist. Zum anderen wird zu oft nach dem auswärtigen Rat gerufen. Staatliche Stellen, vor allem Ministerien, verfügen in aller Regel über hinreichenden Sachverstand in den eigenen Reihen. Da gibt es Referate für spezielle Sachgebiete, die im Allgemeinen kompetent besetzt sind. Nun kann es durchaus sinnvoll sein, die selbst erarbeitete Erkenntnis durch Dritte bestätigen zu lassen. Wenn dies durch unabhängige Personen geschieht, ist das nicht zu beanstanden. Wird Gefälligkeit erwartet, ist dies schädlich für das Ansehen der Wissenschaft und kostet unnötiges Geld.

Es wird womöglich zu allen Zeiten Wissenschaftler gegeben haben, die bereit waren, im Sinne von Auftraggebern zu gutachten. Mit dem Aufbegehren, das sich nach 1968 zum Teil als Aufstand in den Hochschulen zeigte, kamen jedoch zunehmend Wissenschaftler zu Wort, die sich als „kritisch“ bezeichneten. Ihnen ging es nicht darum, ein Problem kritisch – und nichts anderes tut die Wissenschaft – zu durchleuchten; sie gaben sich kritisch vor allem gegenüber dem Staat und etablierten Institutionen. Ihre Äußerungen hatten gelegentlich die Qualität von Kampfschriften. So ist denn viel an Vertrauen in die Wissenschaft verloren gegangen, weil ihre Träger Missbrauch getrieben haben. Bis heute muss man also genau hinsehen, wer sich wozu in wessen Auftrag äußert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben