Gesundheit : Woran der Charité-Nachwuchs krankt

Der Berliner Reformstudiengang Medizin und das konventionelle Studium sollen 2008 vereint werden – zu früh, sagen Kritiker

Rosemarie Stein

„Wir wissen alles, aber wir können nichts“, sagen ehrliche Jungmediziner nach Abschluss des Studiums. Etwa 20 Prozent geben schon vorher auf, und von denen, die fertig werden, übt ein großer Teil den Arztberuf nicht aus. Eckhard Hahn, Vorsitzender der Gesellschaft für medizinische Ausbildung, schätzt, dass 38 Prozent der Absolventen nicht in die kurative Medizin gehen, also niemals einen Kranken behandeln. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat einen Schwund von 42 Prozent der Studierenden bis zur Approbation errechnet.

Der Schwund hat dramatische Folgen: In Brandenburg zum Beispiel können schon heute allein 150 Hausarztpraxen nicht mehr besetzt werden. Experten warnen, dass die medizinische Versorgung in Deutschland in Zukunft nicht mehr gesichert ist. Schuld daran seien nicht nur die vergleichsweise schlechten Arbeitsbedingungen, die viele Ärzte aus dem Land treiben. Es sei auch die Folge der Ausbildung der Nachwuchsmediziner, die noch immer nicht auf die alltäglichen Aufgaben des Arztes vorbereitet würden. Auch der Wissenschaftsrat empfiehlt, die Ausbildung in der Allgemeinmedizin zu stärken – damit die Jungmediziner nicht nur Patienten mit seltenen oder schweren Krankheiten sehen, die in der Universitätsklinik behandelt werden.

Wie schwer sich die Kliniken noch mit der Reform des Medizinstudiums tun, ist derzeit ausgerechnet in Berlin zu beobachten. Die Charité gilt eigentlich als Vorbild einer modernen, am Patienten orientierten Ärzteausbildung. Dort gibt es seit 1999 den einzigen international renommierten medizinischen Reformstudiengang (für 63 Anfänger pro Jahr).

Die Studierenden lernen in Siebenergruppen zunächst an „Papierfällen“ – didaktisch klug konstruierten konkreten Aufgaben –, wissenschaftliche und ärztlich-praktische Probleme zu lösen. Problemorientiertes Lernen (POL) nennt sich das. Sie holen sich das hierzu nötige Wissen aus den verschiedenen Fächern selbst zusammen; anders als im konventionellen Studium, in dem jedes Fach separat unterrichtet wird. Auch werden die Studenten im Reformstudium von Anfang an in Hausarztpraxen geschult, mit Patienten umzugehen. Und das bisherige vorklinische Studium, in dem das theoretische Grundlagenwissen vermittelt wird, ist im Reformcurriculum mit dem klinischen, sprich: medizinischen Studium eng und anwendungsnah verzahnt.

Dieses Berliner Modellprojekt fand die höchste Anerkennung eines internationalen Gutachtergremiums, nachdem die ersten beiden Jahrgänge ihr Reformstudium erfolgreich abgeschlossen hatten. Nur war den Experten die Wende vom passiven zum aktiven Lernen, von der Dozenten- zur Studentendominanz noch nicht konsequent genug.

Das Gremium empfahl, die wesentlichen Elemente dieses Berliner Modells weiterzuentwickeln. Erst dann sollten sie auf die gesamte Ausbildung an der Charité übertragen werden. In der Fakultät müssten die Voraussetzungen dafür erst geschaffen werden, durch intensive Diskussionen über Ausbildungsziele, durch wissenschaftlich fundierte Entwicklung und Bewertung neuer Formen und Inhalte des Medizinstudiums. Das Training der medizinischen Lehrer in der Lehre, auch an ausländischen Reformfakultäten, gehört dazu. Zurzeit seien aber erst zehn bis fünfzehn Prozent des Lehrkörpers zu Ausbildungsreformen motiviert und ausreichend für den Unterricht im neuen Studium geschult, schätzt Dieter Schaffner vom Reformstudiengang.

Die Charité-Leitung kündigte jedoch an, Reform- und Regelstudiengang schon 2008 zu vereinigen. Bis dahin können die nötigen Voraussetzungen aber gar nicht geschaffen werden, sagen Kritiker. Sie befürchten, das berühmte Berliner Modell könne so stillschweigend abgewickelt werden. Einzelne Reformelemente sind zwar schon jetzt in das allgemeine Studium eingegangen, etwa der fächerübergreifende Unterricht in „Integrationseinheiten“. Das reicht aber noch nicht zu einem Berliner Modell für alle.

Das Herzstück der modernen medizinischen Reformstudiengänge in aller Welt, die „POL-Gruppe“ zum aktiven Lernen, dürfte so schnell nicht allgemein einzuführen sein, sagt auch Walter Burger, Leiter des Reformstudiengangs.

Können die Dozenten durch finanzielle Anreize für die Reform motiviert werden? Charité-Dekan Martin Paul kündigte an, dass bei der leistungsbezogenen Mittelvergabe künftig neben Forschungs- auch Lehrleistungen zählen. Bei Berufungen und Habilitationen werden künftig auch Fähigkeiten in der Lehre gefordert. Auch der lange als konservativ geltende Medizinische Fakultätentag hat etwas unternommen: Er ergriff die Initiative zu einem zweijährigen berufsbegleitenden Postgraduierten-Studiengang mit dem Abschluss eines deutschen „Master of Medical Education“, der an acht deutschen Medizinfakultäten erarbeitet und gelehrt werden soll, darunter auch Berlin. Zu den Zielen des Studiengangs gehört die „Professionalisierung der medizinischen Ausbildung“, die Qualifizierung der Führungspersonen und Multiplikatoren in den Fakultäten und natürlich die Verbesserung der Lehre.

Überall an den deutschen medizinischen Fakultäten ist es in den letzten Jahren zu Innovationen im Medizinstudium gekommen, sogar zu Reformstudiengängen – in Köln, Hamburg, vorher schon in Witten-Herdecke. Die Unis in München und Dresden vermarkten, nach dem Vorbild Harvards, ihr neues Know-how und bieten anderen Fakultäten didaktisches Training und Beratung in Fragen der Studienreform an. Wenn die Hochschullehrer der Charité sich nicht genauso intensiv wie um Forschung und Versorgung um die zukunftsfeste Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses bemühen, könnte Berlin zurückfallen.

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