Gesundheit : Wortmenschen im Trainingslager

Die eigene Zunft retten: Heute beginnt in Paris der 11. Internationale Germanistenkongress

Thomas Lackmann

Worin der eigentliche Zweck eines congressus besteht, erschließt sich etymologisch nur unvollkommen. Die lateinische Vokabel steht für Zusammenkunft, Gesellschaft und Verkehr, meint aber auch Geschlechtsverkehr, Zusammenstoß, Angriff und Kampf. Kulturelle Begleitprogramme und der Schulterschluss mit Gleichgesinnten bilden einen schwer zu überschätzenden Anreiz. Die Begründung für den logistischen Aufwand eines solchen altmodischen Unternehmens – wie es die Germanisten der Welt bei ihrem heute in Paris beginnenden Treffen angehen – fällt im Internet-Zeitalter immer schwerer: warum Geisteswissenschaftler nach jwd verreisen müssen, um Vorträge zu rezipieren, die dann sowieso samt Podiums-Chat digital oder zwischen Buchdeckeln dokumentiert werden.

Zur Reduzierung der Kongress-Frequenz hat solcher Begründungsdruck indes wenig beigetragen. Stattdessen vermehrt sich seit einigen Jahren die Zahl der Kongress-Referate, weil es ohne Referat oft kein Reisestipendium mehr gibt: In der Folge plustern sich die Kongress-Programme immer monströser auf. Ihre öffentliche Legitimation, zum Beispiel durch ein brennend wichtiges Thema, lässt dagegen meistens zu wünschen übrig. Dabei würde wohl niemand die Wichtigkeit eines internationalen Symposiums in Zweifel ziehen, wenn dort die Rettung der Welt erwogen würde – oder wenigstens die Rettung der deutschen Sprache.

Ein Dilemma der kongressfreudigen Germanistik besteht freilich darin, dass deren Jünger sich jahrelang durchaus mit der Rettung der Welt zu profilieren versuchten. Wenn Deutschsein nach einem Diktum Richard Wagners darin besteht, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, wollten deutsche Germanisten seit den 1960er Jahren gerade dieses Image ihrer Zunft abstreifen: Statt wie bisher unpolitisch, das heißt autoritätshörig und opportunistisch nur ihre literarische Tradition zu umkreisen, wandten sie sich der gesellschaftlichen Verantwortung zu. Seitdem wird gern von einer Krise der Germanistik geredet, zumal das Deutsche weltweit und der Bücherleser überhaupt auf dem Rückzug sind. Zuletzt wurde der Streit ums aktuelle Selbstverständnis anlässlich des Deutschen Germanistentags 2004 in München (Thema „Germanistik in und für Europa“) ausgetragen: Während journalistische Nestbeschmutzer damals spotteten, dass die Germanistik sich nach einer Phase der Allzuständigkeit nicht mal mehr auf ästhetischem Gebiet für zuständig erachte, beschworen ihre Verteidiger die Vielfalt dieser Kulturschule der Nation.

Doch der nächste Kongress ist immer der schönste: Wenn ab heute in Paris der 11. Internationale Germanistenkongress eine Woche lang unter dem zeitlosen Motto „Germanistik im Konflikt der Kulturen“ beginnt, werden Teilnehmer-Bedürfnisse und Kritiker-Vorurteile gleichermaßen befriedigt. Das Kulturprogramm bietet einen Loire-Ausflug und Literarisch-Musikalisches mit dem Ehepaar Grass. Über 1000 gelehrte Schlachtenbummler samt Begleitung werden 700 Vorträge halten oder verarbeiten. In 30 Sektionen erörtert man unter anderem „Niederlandistik zwischen Wissenschaft und Praxisbezug“ oder „Geschlechterdifferenzen als Kulturkonflikte“. Im Eröffnungsvortrag behandelt Hendrik Birus (München) Goethes West-Östlichen Divan als Projekt der Grenzüberschreitung. In weiteren Vorträgen analysiert Theodore Ziolkowski (Princeton) „Berlin in chronotopologischer Sicht“, also den Zusammenhang von Literatur und Gesellschaft im Berlin der Jahre 1799 und 1810, und Zhang Yushu (Beijing) würdigt die Auslandsgermanistik am Beispiel ihrer chinesischen Vertreter. Zhang geht es um eine „Bemühung zum Bekämpfen des Eurozentrismus wie des Sinozentrismus, eine Bemühung zur gegenseitigen Verständigung und Achtung, schließlich zur Erhaltung des Weltfriedens“.

Bombastische Programm-Quantität wird auch diesmal kaum in Qualität umschlagen. Aber für die Erforscher der deutschen Sprache ist das leibhaftige Treffen, jenseits konkreter gelehrter Ausbeute, ein unersetzliches Trainingslager. Zur Sprache gehören Resonanzkörper und Zwischentöne, das Radebrechen und die Mundart, fleischgewordene Wortmenschen aller Hautfarben. Das lässt sich mit einem binären Zeichensystem nicht simulieren. Auch der anregende Streit um die wissenschaftliche Identität, wie er periodisch rund um Germanisten-Events ausgetragen wird, ist ein positives Resultat. Mit der Rettung der deutschen Sprache hat all das trotzdem nichts zu tun, dafür sind ja auch eher Dichter und ihre Bevölkerung als Philologen zuständig. Vielmehr geht es um die Rettung der Germanisten, die sich damit abfinden müssen, dass sich die Bedeutung ihrer Zusammenkunft nicht populär vermitteln lässt. Einen congressus erleben heißt nun mal: ihn um seiner selbst willen zu genießen.

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