Gesundheit : Wunschpartner Wirtschaft

Uwe Schlicht

Es wäre eine Revolution in Deutschland:die Zusammenführung der Ressorts Wissenschaft und Wirtschaft unter einem Senator. Die klassischen Kombinationen sind Wissenschaft und Kultur sowie Wissenschaft und Schule. Aber was sagen die Lösungen in anderen Ländern über Berlin? Gar nichts. Das Festhalten an Formeln frei nach dem Motto: "Das haben wir schon immer so gemacht", hat in Berlin in der Wissenschaftspolitik zu schlechten Ergebnissen geführt - bis auf wenige positive Ausnahmen wie die Hochschulverträge und die Experimentierklausel. Aber beide Beispiele wurden eher aus Not und der Anregung von außen geboren als aus Weitsicht der Politiker.

In Berlin ist die Kombination Wissenschaft und Kultur bis zum Überdruss durchprobiert worden. Erster Schritt: eine gemeinsame Senatsverwaltung und gemeinsamer Ausschuss im Abgeordnetenhaus. Nur konnten die Kulturabgeordneten mit den Wissenschaftsabgeordneten so wenig anfangen, dass die Kulturpolitiker zeitweilig den Sitzungssaal verließen, wenn die Wissenschaftsvertreter an der Reihe waren. In Geschäftsordnungsdebatten wurde um Tagesordnung und Redezeit gestritten. Die Folge: Wichtige Debatten fanden nicht statt, wurden vertagt oder in einer Hetze absolviert, die dem Thema nicht gut tat. Die Trennung beider Politikbereiche im Abgeordnetenhaus war die einzig richtige Lösung. Nur ist keine Trennung der Ressorts gefolgt.

Die Senatoren Peter Radunski, Christoph Stölzl und Adrienne Goehler haben der Kultur den Vorrang gegeben, trotz zeitweilig anderer Bekundungen. Das ist auch einfach zu erklären: Die Berliner Universitäten haben keinen Nobelpreisträger, der der Stadt den Rücken kehren würde, wenn für die Hochschulen nicht mehr Geld ausgegeben wird. Die Kultur hat einen Daniel Barenboim, einen Simon Rattle und einen Claus Peymann. Wenn diese Stars melodramatische Auftritte hinlegen, rast die Medienlandschaft und die Kultursenatoren sind wieder von der Wissenschaft abgelenkt.

Berlin muss Milliarden sparen und kann nach dem Niedergang der Industrie nur auf eines hoffen: Die Wissenschaftler müssen so innovative Ideen entwickeln, dass daraus neue Produkte entstehen. Wissensbasierte Arbeitsplätze in der Medizin und Biotechnologie, in der Verkehrstechnik, der Medizintechnik, der Optik, der Nanotechnologie, in den neuen Medien und der Kommunikation, in den Ingenieurwissenschaften - das sind die Erwartungen. Die Technologieparks in Buch und Adlershof setzen auf diese Karte. Führende Vertreter der Hochschulen und der Wirtschaft, darunter Schering, DaimlerChrysler Services und die Industrie- und Handelskammer, haben sich in einer Partnerschaft zusammengefunden, um eine Trendwende zugunsten der Wissenschaft herbeizuführen. Ein selbstständiges Wissenschaftsressort mit Gewicht wird zwar von der Partnerschaftsinitiative befürwortet, ist aber kaum mehr möglich, da die Berliner Verfassung nur noch acht Ressorts zulässt. Deswegen wird auch in der neuen Landesregierung aller Wahrscheinlichkeit nach eine Kombination erzwungen werden. Von der Kombination Wissenschaft und Kultur hält man in der Partnerschaftsinitiative nichts mehr. Auch eine Verbindung Wissenschaft-Schule wird skeptisch gesehen.

Immerhin bewegt sich in der SPD einiges in der Richtung, die Wissenschaft künftig mit der Wirtschaft in einem Ressort politisch zu führen. Die Grünen, an der Spitze die Wissenschafts- und Kultursenatorin Adrienne Goehler, laufen Sturm gegen eine solche Lösung, wäre sie doch gleichbedeutend mit dem wahrscheinlichen Verlust des Senatorenamtes an eine andere Partei.

Die radikalste Kritik an der bisherigen Kombination von Wissenschaft und Kultur äußert der Präsident der Freien Universität Peter Gaehtgens: "Im Grundsatz bin ich dafür, dass Wissenschaft als großes und selbstständiges Ressort eingerichtet wird. Aber aus Gründen der Verfassungswirklichkeit in Berlin wird das nicht möglich sein. Da bin ich eher für die Koppelung der Wissenschaft mit der Wirtschaft. Die bisherigen Erfahrungen mit der Verbindung Kultur und Wissenschaft haben uns nicht ermutigt, diese Verbindung fortzusetzen. Da setzen wir lieber auf das Experiment und wollen die Verknüpfung mit der Wirtschaft wagen, weil das zukunftsträchtig erscheint. Für eine Verbindung von Schule und Wissenschaft bin ich nicht, weil dann die Wissenschaft wieder ins Hintertreffen geraten könnte."

Die Position der Hochschulen, die seit Jahren eng mit der Wirtschaft zusammenarbeiten, ist klar: Ohne Berührungsängste befürworten die Technische Universität, die Technische Fachhochschule in Wedding und die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) in Karlshorst das Zusammengehen von Wissenschaft und Wirtschaft. Der erste Vizepräsident der TU, Kurt Kutzler, bringt es auf den Punkt: "Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft gehören auf Grund der langfristigen Auswirkungen für die Wirtschaft zusammen. Wissenschaftspolitik ist letzten Endes langfristige Wirtschaftspolitik." Helmut Schmidt, der Präsident der größten Fachhochschule in Berlin (FHTW), hofft, dass "jetzt die politische Lage günstig ist, um eine Kombination Wirtschaft und Technologie mit der Wissenschaft durchzusetzen".

Der Präsident der Humboldt-Universität, Jürgen Mlynek, wünscht sich vor allem eine geeignete Persönlichkeit: "Alles kommt auf die Personen an, die das Senatorenamt oder die Position als Staatssekretär ausüben werden. Ohne die notwendige Kompetenz in der Wissenschaft und das gebotene Standing innerhalb der eigenen Partei und über die Parteien hinweg ist eine starke Vertretung der Wissenschaft nicht möglich - leider schließen sich diese Eigenschaften häufig aus", betont Mlynek. Sollten Wissenschaft und Kultur erneut zusammengehen, "dann will ich endlich einen Senator haben, der sich mehr für die Wissenschaft als für die Kultur interessiert." Wenn die Kombination Wissenschaft mit Wirtschaft herauskommen sollte, dann werde der Senator eine Persönlichkeit mit wirtschaftspolitischem Hintergrund sein und die Wissenschaft falle einem Staatssekretär zu. "Eine Kombination Schule mit Wissenschaft wäre unsachgemäß."

Mlynek fasst zusammen: "Neue Arbeitsplätze entstehen nur wissensbasiert. Hier hat Berlin ein ungeheures Potenzial, was aber nach wie vor von der Politik weitestgehend ignoriert wird. Die Führung in der Stadt muss endlich erkennen, dass Wissenschaftspolitik Wirtschaftspolitik und zugleich Standortpolitik ist."

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