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Von Joachim Rogosch

Die Dogmen der Moderne fallen. Die Selbstverwirklicher sind „Esel", die „Ich AG" wird zum „sozialen Depp": Harte Worte, ausgerechnet von Psychotherapeuten, jenen Fachleuten für die Nabelschau aufs eigene Ich. Rund 3000 Ärzte und Psychologen versammeln sich jährlich in Lindau zur größten richtungsunabhängigen Psychotherapeuten-Fortbildung in Deutschland. Das sind zwei Wochen Küsschen hier und Küsschen da, Begrüßungen mit „Du, ich habe heute geträumt von dir", dazu der Dauerstreit unter den Hunderten von Psychotherapeuten-Schulen, die Bemühungen um Verständigung in den Groß-Vorträgen, das harte Ringen in Kleingruppen um Methoden und Hilfen anhand von Fallschilderungen. Und Lindau setzt Trends.

Ich besteige den Zug

Vorbei ist die Zeit der Selbst-Psychologie, als in den 70ern des letzten Jahrhunderts die narzisstische Persönlichkeit die autoritäre ablöste. Die Single-Gesellschaft hat ausgedient, stellt Martin Altmeyer auf der Bodensee-Insel fest. Der Diplompsychologe aus Frankfurt konstatiert das Ende der Vereinzelung. Die Grundszene unserer Zeit zeigt einen Menschen, der einen ICE besteigt und dabei in sein Handy spricht: „Ich besteige den Zug"; er nimmt Platz und teilt mit „Ich sitze im Zug", und er steigt aus und übermittelt „Ich verlasse den Zug". Narziss blickt nicht mehr in den stummen Spiegel, er braucht jemanden, mit dem er telefonieren kann. „Video(r) ergo sum" ist Altmeyers Vortrag überschrieben. Für Nicht-Lateiner: Ich werde gesehen, also bin ich. Oder besser: Ich habe ein Video von mir, also bin ich.

Was mit Big brother begann, findet heute in Quiz-Sendungen seine Fortführung: Das Publikum macht aus dem nlosen eine Persönlichkeit. Altmeyer beschreibt dies nüchtern und wehrt sich gegen die „vornehme Verachtung" und „alteuropäische Entrüstung" über diese „Kamerasucht". Denn „auch die Kritiker dieser Phänomene suchen die Öffentlichkeit". Er sucht in der medialen Selbstbespiegelung das häufig übersehene Andere. „Wir sind auf Resonanzräume angewiesen, wenn wir wissen wollen, wer wir sind". Hat sich der Single einst gefragt: Bin ich sexy?, so klickt der vernetzte Mensch www.bin-ich-sexy.de an, stellt sein Bild ins Internet und zählt mit roten Ohren die Besuche auf der Site.

Schau mich an!

Und dabei geht es, so der Psychologe, nicht um Sexualität, sondern um Identität. Um Beziehung zur Gruppe, denn das wichtigste daran sei, dass man jemandem davon erzählen könne. Es gibt ein „schier unersättliche Bedürfnis, gesehen zu werden", das unerträgliche Warten darauf, dass das Telefon klingelt. Für den Alt-68-er Altmeyer lässt sich diese Sehnsucht nach Spiegelung nur durch ein intersubjektives Paradigma erklären. „Schau mich an!", „Beachte mich!" hört der Psychologe da heraus. Und wenn dies nicht geschieht? „Dann ziehe ich mich zurück . . ."

Die Folgen dieses Rückzugs sieht der Psychologe dann in seiner Praxis wieder, in Form von Persönlichkeitsstörungen. Die Gesellschaft begegnet jenen Opfern der Vereinzelung im Show-down eines letzten Aufbäumens. „Keiner liebt mich" – da schaffe ich mir eigene Größe im Selbstmord-Attentat, in Jerusalem oder an amerikanischen High-Schools oder zuletzt beim Amoklauf in Erfurt.

Aus Altmeyers Zeitgeist-Analyse folgt noch nicht, dass der Single zum Altruisten geworden ist. Er erweitert nur den Narzissmus vom Ein-Personen-Stück zur Zwei-Personen-Metapher. Psychologisch gesehen: Der Geburtsakt des Selbst geschieht beim Baby durch den Blick der Mutter, wie Altmeyer den britischen Psychoanalytiker Donald Winnicott (1896 bis1971) zitiert. Wir betrachten den anderen insgeheim, wie er uns betrachtet, und tun dabei so, als ginge es nur um uns selbst.

Altmeyer führte in Lindau psychologisch aus, was Dieter Thomä philosophisch grundgelegt hatte. Der Philosophie-Professor aus Sankt Gallen fordert, Identität als Produkt eines Dramas mit mehreren Beteiligten zu begreifen, nicht als Ergebnis der Reflexion über die eigene Person allein. „Leben ist mehr als eine einzelne Geschichte", erklärt der Spross einer Psychoanalytiker-Familie. Vor allem der Begriff der Selbstverwirklichung hat laut Thomä „viel Unheil angerichtet". Bei genauer Betrachtung besagt das Streben danach ja gerade, dass das Selbst eben noch nicht verwirklicht sei. „Wann aber ist es das?" fragt Thomä. Das Wort wird so zur Möhre, die dem Esel vorgegaukelt wird, als Dauermotivation, ohne bestimmbares Ziel. Für Thomä stimmt der Begriff der Selbstverwirklichung negativ gegen das, was ich schon bin. Das führe zur latenten Frustration jeglicher Praxis. „Wenn ich erst groß bin...", denkt sich der Mensch von heute, und das bis ins hohe Alter. Thomä dagegen: Nicht das Selbst sei zu verwirklichen, sondern Pläne. Das Selbst sei ja schon da.

Die Betrachtungen Thomäs haben Folgen. Für den Wert des Lebens in der Bio-Debatte: Der Mensch, der sich nicht verwirklichen kann, bleibt erst einmal Mensch. Folgen für die Analyse des Jugendkults. „Wer ist das Ich, das immer schön sein will? Eine leere Geste, ein Spielball kommerzieller Interessen." Folgen auch für die wirtschaftliche Ausformung der Egomanie in der „Ich AG", die alles selbst regelt, wie Thomä schildert. Committment setzt er dagegen, die Verpflichtung, die das Ich gegenüber anderen eingeht. Das autonome Subjekt: eine „narzisstische Fiktion" (Altmeyer), ein „sozialer Depp" (Thomä).

Das Bedürfnis nach Bindung

Verwunderlich ist die Abkehr vom Ich-Kult eigentlich nicht. Zuviel weiß die Psychotherapie heute über die Ursachen seelischer Leiden. Und da sind gestörte Beziehungen eben ein grundlegender Faktor. Neben Freuds Lust-Bedürfnis ist das Bindungs-Bedürfnis gleichberechtigt in die Kategorie der Grundbedürfnisse aufgenommen, so der Berner Psychologe Klaus Grawe in Lindau. Ob Depression, Angststörung oder ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom): Keiner kommt den psychischen Volkskrankheiten unserer Zeit auf die Spur, wenn er nicht Beziehungen und deren Fehlen mit berücksichtigt. Beziehungen zu Mutter, Vater, Partner, Lehrer oder Therapeut.

Die Abkehr von der Egomanie könnte auch eine Abkehr von der dazugehörigen Selbsthilfe-Manie nach sich ziehen. Ekstasy für die Fitness, Anti-Depressiva für die gute Laune, Ritalin gegen ADS für die Konzentration – das ist zumindest kurzfristig eine Möglichkeit. Es puscht den Dopamin- oder Serotonin-Haushalt im Gehirn.

Es geht aber auch anders. Dauerhaft gestärkt werden die dopaminergen und serotoninergen Systeme über Bindungserfahrung, über Kontakt und starke Beziehungen. Über positive Erfahrungen mit anderen. Das ist keine Psychotherapeuten-Ideologie, wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Lindau zu ihrer Befriedigung feststellen konnten. Das weisen Neurobiologen mittels PET-Scans von Ratten- und Menschengehirnen einfach nach.

Für den Egotrip brauchte man meist nur ein Buch, eine Erfolgskarriere und eine Penthouse-Wohnung. Wo aber lernt man den neuen Trend zur Beziehung, wo befriedigt man zum Lust-Bedürfnis noch das Bindungs-Bedürfnis? Zum Beispiel in der Familie, meinen die Veranstalter der Lindauer Psychotherapiewochen. Jahrzehntelang totgesagt, wird dieser Klassiker der Lebensform passend dazu derzeit von der Politik wiederentdeckt. Was in der Familie nottut, was dort schiefläuft, wird in Lindau im nächsten Jahr beleuchtet.

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