Gesundheit : „You are welcome“

Die Humboldt-Stiftung zeichnet zu ihrem 50. Jubiläum Deutschlands freundlichste Ausländerbehörden aus

Bärbel Schubert

23 000 Humboldtianer in 130 Ländern weltweit, 33 Nobelpreisträger – die AlexandervonHumboldt-Stiftung kann sich mit ihrer Bilanz zum 50-jährigen Jubiläum sehen lassen. „Wir fördern nur die Besten“, lautet das selbstbewusste Motto der Elite-Stiftung, die als Pendant zu den Goethe-Instituten die wichtigste Vertretung der deutschen Wissenschaft im Ausland ist. Die Besten, das sind Spitzenwissenschaftler aus aller Welt. Sie kommen mit einem Stipendium der Humboldt-Stiftung nach Deutschland und arbeiten hier mit einheimischen Wissenschaftlern gemeinsam an Forschungsprojekten. Daraus entwickelt sich für die meisten eine lebenslange Zugehörigkeit zur „Humboldt-Familie“, wie sie sich selbst nennen. Wer eines der jährlichen Ehemaligentreffen besucht hat, ist von dieser familiären Atmosphäre beeindruckt. Aus der Internationalität der Wissenschaft haben sich über die Humboldt-Stiftung Brücken in die ganze Welt entwickelt. Etliche ihrer Ehemaligen, beispielsweise in Osteuropa, haben auch Ämter als Minister oder Präsidenten erreicht. Ein interessantes Netzwerk auch für die Politik.

Gegen den täglichen Rassismus

Auch im Jahr ihres 50. Bestehens mischt sich die Stiftung ein. Sie hat am Donnerstag Deutschlands freundlichste Ausländerbehörden ausgezeichnet. „Seit Jahren streiten wir mit Ausländerbehörden, manchmal auch mit der Ausländerpolizei, über die Behandlung unserer Stipendiaten, die nicht immer freundlich ausfällt“, berichtet Humboldt-Präsident Wolfgang Frühwald. Man hätte auch eine „Zitrone“ verleihen können, gab aber doch dem „wahrscheinlich bundesweit ersten Wettbewerb der Freundlichkeit“ den Vorzug. Ausgezeichnet wurden gleichberechtigt die Ausländerbehörden in Erlangen, Freiburg und Wismar – also aus zwei großen und einer kleinen Hochschulstadt. Nominiert haben über 200 ausländische Wissenschaftler und Studenten. Dazu haben sie immerhin 71 freundliche Behörden gefunden – allerdings keineswegs flächendeckend in der ganzen Bundesrepublik. Doch Ostdeutschland, sonst oft genug mit ausländerfeindlichen Vorfällen in den Schlagzeilen, ist diesmal sogar mit mehreren Nennungen vertreten. Darunter herausgehoben die Ausländerbehörde in Brandenburg an der Havel. Nicht dabei ist Berlin mit seinen vielen Gastwissenschaftlern, das mit der Freien Universität die derzeit bei Humboldt-Stipendiaten beliebteste Hochschule beherbergt.

Die Humboldt-Stipendiaten forschen und leben oft für ein bis zwei Jahre hier, einige mit ihren Familien. Sie sollen dabei möglichst eine zweite Heimat finden und später zu deren „Botschaftern“ werden. Umso wichtiger ist es, dass sie freundlich aufgenommen werden. „Die Visa-Behörden sind die Pforte“, weiß Frühwald. Und dass hier Freundlichkeit und Sachlichkeit herrschen, wird immer wichtiger, seit international der Wettbewerb um die besten Wissenschaftler härter geworden ist. Deutschland hat sich dabei oft nicht gerade sympathisch präsentiert.

„Das beginnt mit dem alltäglichen Rassismus,“ berichtet Frühwald. Da werde eine berühmte indische Mathematikerin beim Umsteigen auf einem Bahnhof in Deutschland so lange kontrolliert, bis sie ihren Anschlussflug verpasst hat. Und außer der dunkelhäutigen Frau werde niemand auf dem vollen Bahnsteig der Kontrolle unterzogen. Die Humboldt-Stiftung gehe solchen Berichten zwar mit ihrem Hauptfinanzier, dem Auswärtigen Amt, nach. Doch solche Fälle sind noch immer zahlreich, berichtet Frühwald. Und sie sprechen sich in der gut vernetzten Wissenschaftlergemeinschaft herum.

Doch der Hürdenlauf beginnt für viele schon im Heimatland. Sie müssen persönlich bei der Visa-Behörde erscheinen. Die Fahrt dorthin kostet schon einmal einen ganzen Monatslohn. Das Anstehen bei der Botschaft beginnt früh morgens. Dass man überhaupt in der Schlange vorwärts kommt, erfordert noch einmal einen Monatslohn. Frühwald: „Sehr gute Wissenschaftler verzichten dann durchaus auf einen Deutschlandaufenthalt.“ Das will man sich angesichts der internationalen Konkurrenz immer weniger leisten. Peinlich sei es ohnehin.

Rasch ein neues Zuwanderungsgesetz!

Doch was machen freundliche Ausländerbehörden im Inland anders als ihre kritisierten Kollegen? „Als ich danach gefragt wurde, war ich zuerst verlegen, dann verstört“, meint Jörg Maschkowitz, Leiter der Ausländerbehörde Wismar. „Wir haben es uns zum Prinzip gemacht, die Vorsprechenden so zu behandeln, wie wir selbst in einer Behörde behandelt werden möchten.“ Birgit Auer, Abteilungsleiterin im Bürgeramt Erlangen: „Unser Leitsatz lautet: Das Team der Ausländerstelle bemüht sich um sie.“

Die Betroffenen bemerken den Unterschied durchaus. „Dank der Freiburger Ausländerbehörde habe ich eine Menge Zeit und Geld gespart“, berichtet die Studentin Dakhina Mitra aus Indien. Das üblicherweise dreimonatige Verfahren, um ein Visum zu bekommen, wurde mit einem „Vorabvisum“ auf eine Woche verkürzt. Allerdings wirft Mitras Kurs schon Visa-Probleme für Fortgeschrittene auf. Denn das „Global Studies Programme“, das sie absolviert, findet blockweise wechselnd in Deutschland, Afrika und Indien statt. Beim Ordnungsamt konnte die Studentin ihre Angelegenheiten in Freiburg sogar ohne Deutschkenntnisse regeln – bei der Bank und der Krankenversicherung allerdings nicht.

Rückschläge für ein ausländerfreundliches Klima beklagt Frühwald aktuell durch das ablehnende Votum des Bundesverfassungsgerichts zum Zuwanderungsgesetz. „Wir in der Forschung und den Forschungsorganisationen wären mit dem Inhalt dieses neuen Zuwanderungsgesetzes zufrieden gewesen“, meinte der Humboldt-Präsident, der ansonsten eher konservativen Kreisen zugerechnet wird. Es sei bedauerlich, dass das Gesetz an einer reinen Geschäftsordnungsfrage gescheitert sei, denn „seit die Debatte um das Zuwanderungsgesetz begonnen hat, hat sich das Klima gegenüber Ausländern, besonders in Studium und Wissenschaft, wirklich zum Positiven gewendet.“ Alle Parteien sollten sich nun rasch auf ein neues Gesetz einigen.

Schon die Gründungsgeschichte der Humboldt-Stiftung spiegelt die deutschen Schwierigkeiten, sich für die internationale Wissenschaft zu öffnen. Erstmals 1860 nach dem Humboldts Tod von dessen Freunden als „Denkmal im Herzen junger Menschen“ statt in Stein (Frühwald) gegründet, war sie damals rasch gescheitert. Der zweite Anlauf im Jahr 1925 stand erneut im Widerspruch zum Zeitgeist eines aggressiven Nationalismus und wurde 1933 zu einem Instrument der Rassen- und Expansionspolitik der Nationalsozialisten. Erst die Neugründung 1953 führte zu einer Institution, die „objektive Exzellenz in der Forschungskooperation fördert“, so Frühwald. Das hat unter anderem zu einem Netz von über 100 Humboldt-Clubs in 53 Ländern geführt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar