Gesundheit : Zähnefletschende Füchse im Tempel

Michael Zick

Der Star des Ensembles ragt schon jetzt über drei Meter aus dem Boden und wird auf fünf Meter wachsen, wenn er im nächsten Jahr ganz freigelegt ist. Nach Abschluss der diesjährigen Grabung recken sich nun insgesamt 25 tonnenschwere Kalksteinpfeiler in den anatolischen Himmel. Ihre Besonderheit: Sie sind 11 000 Jahre alt und schmücken den ältesten Tempel der Welt.

Die Erbauer hatten selbst kein dauerhaftes Dach über dem Kopf, kannten noch keine aus Ton gebrannten Gefäße und lebten von Bären und Beeren. Ihren Göttern und Toten jedoch bauten sie einen Tempel der Extra-Klasse. Deutsche Archäologen graben ihn derzeit aus - Raum für Raum und Mauern meterweise, feine Terrazzoböden und Drei-Meter-Pfeiler aus einem Kalksteinstück.

Heiligtum der Superlative

In diesem Jahr kamen sechs neue Grabungsgruben und ein neues Mitglied des steingemeißelten Vorgeschichts-Zoos hinzu. Denn fast jeder dieser fein geglätteten T-förmigen Pfeiler ist mit Tierreliefs vom Feinsten geschmückt: zähnefletschende Füchse, schnatternde Enten, Schlangen, ein hauerbewehrtes Wildschwein, ein Stier, ein mächtig brüllender Löwe. Aktuell kam nun ein erster Gazellenkopf hinzu.

Menschen sind dagegen nur spärlich und in abstrahierter Form dargestellt. Am Übergang von der Altsteinzeit zum Neolithikum, 11 000 Jahre vor heute, schufen Menschen auf dem Bergrücken "Göbekli Tepe" in der südosttürkischen Einöde bei Sanliurfa ein Heiligtum der Superlative. Es waren umherschweifende altsteinzeitliche Jäger und Sammler, denen man bisher den Drang zu Höherem abgesprochen hatte.

Diese vorgeschichtlichen Ahnen beweisen mit ihrem immer größer werdenden Tempelareal auf dem Göbekli Tepe, dass Großarchitektur und Geist nicht erst mit Ackerbau und Viehzucht - also mit der bäuerlichen Sesshaftigkeit - aufkamen. Die "primitiven" Altsteinzeitler hatten bereits mehr im Sinn als das Leben von der Hand in den Mund.

Wer hat hier was warum geschaffen? Privatdozent Klaus Schmidt, Prähistoriker des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin, hat da ein gewaltiges Problem: Er kann "seinen" Tempel mit nichts vergleichen. Die Pyramiden werden erst 6000 Jahre später gebaut. Çatal Höyük in Zentralanatolien, als erste Großsiedlung der Steinzeit gefeiert, wird erst in 2500 Jahren entstehen. Die Mauern von Jericho sind zwar etwa zeitgleich mit Göbekli Tepe aufgeschichtet, aber ohne Pfeiler und künstlerischen Anspruch.

Auch die verstärkte Suche der letzten Zeit nach weiteren "Göbeklis" hat keine vergleichbare Anlage zutage gefördert. Schmidt ist allein auf weiter Flur. Zunächst war er auf einer ganz anderen Fährte gewesen. Er ging in der eintönigen Bergwelt im südöstlichsten Zipfel der Türkei Hinweisen auf einen Berg voller Feuerstein nach. Auf dem Göbekli Tepe fand er diesen "Stahl der Steinzeit" in riesigen Mengen und allen Bearbeitungsphasen - von der noch nicht aufgeschlagenen Steinknolle bis zur Pfeilspitze. Große Mengen an Steinschüsseln und die nicht vorhandenen Keramikscherben legten nahe: Hier hatten "akeramische", altsteinzeitliche Menschen gewerkelt. Die Idee einer Feuersteinmanufaktur lag nahe.

Als die Archäologen den Spaten ansetzten, wurde schnell klar, daß dieser Berg ein größeres Geheimnis barg: Dicht unter der steinigen Bergoberfläche kamen die ersten T-Pfeiler und Mauern zutage. Bisher haben die Altertumsforscher erst einen kleinen Teil der prähistorischen Fläche ans Licht geholt. Und sie sind erst in einem Raum bis zum Fußboden vorgedrungen - einem feingeschliffenen Kalk-Terrazzoboden, der tieferes Graben verbietet.

Bis auf den gewachsenen Fels unter den Bauten sind die Ausgräber noch nirgends gekommen. Einschließlich der diesjährigen Grabung aber haben die Forscher ein Manko: "Wir haben keine Lebensspuren gefunden", sagt Schmidt, "Keine Wohnräume, keine Herdstellen, keine Freiflächen." Auch die Toten hat er nicht gefunden. Gab es auf dem Göbekli Tepe keine Wohn-Bevölkerung? Schmidt interpretiert das Areal auf der Kuppe als Heiligtum für eine ganze Region. An die 500 Jäger und Sammlerinnen wurden, so Schmidt, vorübergehend sesshaft, um die heiligen Pfeiler mit Feuersteinmeißeln aus dem Kalkstein des Berges zu pickeln.

Die geglätteten und mit den Tierreliefs geschmückten Pfeiler wurden ohne Fundament auf den Fußböden platziert. Sie standen frei, wie in Stonehenge, und waren niedriger als die umgebenden Mauern, dienten also nicht als Dachstütze. Die Räume wurden wiederholt "renoviert", zum Teil wurden später neue Mauern eingezogen, die teilweise die Reliefs verdeckten. Türen oder Fenster zu den Räumen - die zunächst rund, in einer jüngeren Bauphase rechtwinklig waren - hat man nicht gefunden. Manche Pfeiler haben neben den Reliefs becherförmige Vertiefungen oder eine Rinne auf dem Kopf und ein kreisrundes Loch in der Breitseite - alles noch unerklärt.

Komplexer Totenkult

Das größte Rätsel aber bleibt: Das Heiligtum wurde nicht zerstört, abgetragen oder zugeweht - es wurde beerdigt. Nach "eventuell jahrzehntelanger Nutzung" (Schmidt) schütteten die Altsteinzeitler ihre Kultanlage mit Steinen und Erde des Berges zu. Die Fläche war danach offenbar tabu, jedenfalls wurde sie nicht wieder bebaut. Die jüngeren Kulträume wurden daneben angelegt.

Schmidt ist sich sicher: "Das war von Beginn an so geplant. Hier zelebrierten die Altsteinzeitler einen komplexen Totenkult." Um 7500 vor Christus brachen die Bautätigkeiten auf dem Göbekli Tepe ab. Die "jungsteinzeitlichen" Siedlungen, nun meist in den Ebenen am Wasser gelegen, übernahmen nichts vom großartigen kulturellen Gestaltungswillen ihrer "primitiven" Vorgänger.

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