Gesundheit : Zauber der Versöhnung

Die USA haben ein Imageproblem. Nun erwägen sie eine Sympathieoffensive mit Künstlern und Intellektuellen. Das Vorbild: Berlins American Academy

Elisabeth Binder

Im zarten Alter von acht Jahren ist die American Academy längst zu einem ehrwürdigen Leuchtturm im intellektuellen Leben der Stadt herangewachsen. Nun soll ihr Licht vielleicht bald noch weiter strahlen, denn die US-Regierung prüft derzeit, ob nach diesem Vorbild auch Akademien in Indien, Frankreich und in der Türkei aufgebaut werden können. Das Ziel: Das danieder liegende Image Amerikas soll aufgepäppelt werden. Denn solche Akademien eignen sich auch als Instrumente öffentlicher Diplomatie. Davon ist auch Gary Smith, der Gründungsdirektor der Berliner Akademie, überzeugt.

Als der damalige US-Botschafter Richard Holbrooke, der selber nicht den jetzt herrschenden Republikanern, sondern den Demokraten nahe steht, die American Academy für Berlin initiierte, war die Ausgangslage völlig anders, weit davon entfernt nach den heilenden Kräften öffentlicher Diplomatie zu schreien. Mit Wehmut sahen die West-Berliner drei Jahre nach der Wiedervereinigung die amerikanischen Soldaten die Stadt verlassen. Die American Academy war zunächst konzipiert als so genannte „New Tradition“, mit deren Hilfe die von den scheidenden, lange als Schutzmacht empfundenen US-Soldaten hinterlassene Lücke auf einer anderen Eben wieder gefüllt werden sollte, um die besondere Freundschaft zwischen Berlin und den USA weiterzupflegen.

Aus diesen Schuhen ist die American Academy schon lange herausgewachsen, wenn sie denn nicht von Anfang an ein bisschen zu klein waren für ein Projekt, für das sich nicht nur Richard Holbrooke vehement eingesetzt hat, sondern das auch von Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker und Henry Kissinger unterstützt worden ist.

Untergebracht ist die Academy in einer Villa am Wannsee, in der Anna Maria Kellen aufwuchs, bevor ihre Familie vor den Nazis fliehen musste. Anna Maria Kellens inzwischen verstorbener Ehemann Stephen, der ebenfalls aus Deutschland fliehen musste und in New York eine Karriere als Banker machte, gab die entscheidenden drei Millionen Mark, mit der dieses Projekt überhaupt erst angeschoben werden konnte. Das gab dem Anfang den besonderen Zauber einer großartigen Versöhnungsgeste. Zum Erfolg geführt hat die Academy seit 1998 dann Gary Smith, der unermüdliche, charismatische Direktor des Hauses, der zuvor in Potsdam das Einstein-Forum aufgebaut hatte.

Seine Erfolgsrezepte klingen einfach, sind aber nicht selbstverständlich. Von Anfang an hat er darauf geachtet, dass die American Academy nicht wie viele ähnliche Institutionen weltweit zum akademischen Kloster wurde, in das sich Stipendiaten für Wochen von der Welt zurückziehen, um unbehelligt von äußeren Einflüssen an ihren Projekten zu arbeiten. Er hat im Gegenteil besonderen Wert darauf gelegt, dass die Fellows bei Lesungen und Vorträgen, bei Diskussionen und Empfängen mit ihrer Umgebung in Kontakt kommen. Das Bild Amerikas, das hier vermittelt wird, orientiert sich nicht an der jeweiligen Regierung, denn die Akademie ist unabhängig, überparteilich und wird von einer stetig wachsenden Anzahl von Sponsoren bezahlt.

Wenn man Gary Smith abends mit suchendem Blick auf einer hochkarätigen Gala oder bei einem Ball mit exklusiver Gästeliste umherschweifen sieht, kann man ziemlich sicher sein, dass er nicht zum Vergnügen da ist, sondern gezielt neue Förderer sucht. Die komplette Unabhängigkeit von öffentlichen Geldern ermöglicht offene Diskussionen über kontroverse Themen, was wiederum der Glaubwürdigkeit bekommt. Die amerikanischen Stipendiaten kommen aus allen Bereichen, es sind Dichter, Naturwissenschaftler, Maler, Musiker, bildende Künstler, aber auch Journalisten und Kuratoren darunter. Wenn sie nach dem Ende ihres Stipendiums noch mal von einer deutschen Institution eingeladen werden, betrachtet Gary Smith das als Erfolg und Bestätigung seines Konzepts, das gegen Klausur und für Kontakte arbeitet. Schließlich will er nachhaltige Beziehungen schaffen. Inzwischen ist er fast selber überrascht über die übermächtige Resonanz auf Veranstaltungen, die Bereitwilligkeit von Sponsoren und Trägern großer Namen, diese Arbeit zu unterstützen. „Man braucht einen Holbrooke“, sagt er auf die Frage nach dem Erfolgsgeheimnis. Dass man auch einen Gary Smith braucht, hat der frühere Botschafter innerhalb von zehn Minuten erkannt, die er dem späteren Direktor auf Bitten des damaligen Gesandten Joel Levy einräumte, um sein Konzept vorzustellen.

Gerade seit dem 11. September liegt es den Stipendiaten besonders am Herzen, Vorträge zu halten. „Für uns ist es sehr wichtig, deutlich zu machen, was Amerika ist, wofür Amerika steht“, sagt Gary Smith. „Wir zeigen Amerika in all seiner Komplexität und in all seiner Widersprüchlichkeit.“ Dabei entstehen auch Visionen, auch solche, die Gefahren antizipieren. Vor drei Jahren, während des Irakkrieges, gab es eine Konferenz mit sieben Denkern aus den USA und sieben aus Deutschland. Am Ende der Tagung stand die Erkenntnis, dass nicht der Irak, sondern der Iran der eigentliche Testfall für die transatlantische Verbindung sein würde.

Etwa 100 bis 120 Veranstaltungen gibt es jährlich in der Academy. Sie zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass auf höchstem Niveau in einer verständlichen Sprache diskutiert wird, gern auch mal mit spielerischem Ansatz. Ausgrenzung durch Benutzung bestimmter Sprachcodes gibt es nicht. Außerdem kümmern sich alle um alles, was jederzeit den angenehmen Eindruck vermittelt, man sei zu Gast in einem privaten Salon. Bevor es losgeht, befasst sich Gary Smith mit der Sitzordnung eines Dinners. Von Anfang an war es ihm wichtig, einen guten Koch zu haben, denn auch Wissenschaftler leben nicht vom Brot allein. Stipendiaten fällt es leicht, sich wohl zu fühlen in dem ruhigen Haus mit dem wunderbaren Blick über den Wannsee. Wenn sie zurückkommen in die USA, können sie sich noch kompetenter über Deutschland äußern, was die Verbindung zwischen beiden Ländern stärkt.

Ob sich das Modell auch in Ländern wie Indien oder der Türkei bewähren kann? Nützlich wäre das ganz sicher. Allerdings müssten sich, wie in Berlin, hochkarätige und engagierte Unterstützer finden. Und eine Regierung, die so was anschiebt, müsste erkennen können, wie wichtig völlige Unabhängigkeit und eine wirklich offene Auseinandersetzung mit brenzligen Fragen ist.

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