Gesundheit : Zehn Jahre umsonst gelitten

Wie Ärzte Fehldiagnosen vermeiden können – und Kranken Qualen ersparen

Rosemarie Stein

Er war erst fünfzehn, als die Schmerzen im rechten Fuß begannen, verbunden mit gewissen Lähmungserscheinungen. Ein verletzter oder gequetschter Nerv? Aber bei der neurologischen Untersuchung und beim Röntgen schien alles normal. Die Schmerzen wurden chronisch und in zahllosen Untersuchungen versuchten die Ärzte die Ursache zu finden – vergeblich. Vielleicht die Psyche? Es gab Konflikte mit dem Vater; der Junge musste eine Klasse wiederholen. Zwei Jahre Psychotherapie brachten nichts. Erwachsen geworden, erhielt der junge Mann eine Invalidenrente und begann ein Studium. Wegen der unverändert gebliebenen Schmerzen suchte er schließlich den Zürcher Neurologen Marco Mumenthaler auf.

Dieser berichtete den Fall auf dem Deutschen Ärztekongress, der diese Woche in der Charité stattfand. Auch der erfahrene Arzt fand erst nicht die richtige Diagnose. „Ich werde nun halt so weiterstudieren, obwohl ich bei den Kommilitonen unbeliebt bin“, sagte der Patient resigniert. „Warum sind Sie denn unbeliebt?“ – „Weil ich überall mein Bein hochlege. Nur dann tut es nicht weh.“

Da ging dem Neurologen ein Licht auf: Schmerzfreiheit bei Hochlagerung, das ist charakteristisch für den peripheren Glomustumor, eine gefäß- und nervenreiche gutartige, aber sehr schmerzhafte kleine Geschwulst, die vor allem an Fingern und Zehen auftritt. Hätte man sie gleich erkannt und operativ entfernt, so wäre dem Patienten ein schmerzensreiches Jahrzehnt erspart geblieben. Was war falsch gelaufen? Der Junge war zwar oft untersucht, aber nicht gründlich genug nach jedem Detail befragt worden.

So hämmerte Mumenthaler den Teilnehmern seines Berliner Seminars – vorwiegend Hausärzte und Internisten – die Regel ein: Die Erhebung der Anamnese, der Krankengeschichte, durch genaue Befragung des Patienten ist das Wichtigste. Sie allein bringt schon 90 Prozent der Diagnose. Die anschließende körperliche Untersuchung führt dann meist vollends zum Ziel. Nur wenn beides nicht genügt, sind zusätzliche apparative oder Laboruntersuchungen erforderlich.

Am Symptom „Tremor“ zeigte Mumenthaler exemplarisch, wie schon durch einen einfachen Test die Verdachtsdiagnose einer parkinsonschen Krankheit zu stellen ist: Zittern die ruhig im Schoß liegenden Hände, hört aber das Zittern beim Halten der Hände in der Luft oder bei beginnender Bewegung auf, dann könnte es Parkinson sein, und man muss nach weiteren Symptomen suchen. Bei anderen Formen des Tremors ist es umgekehrt: Die Hand zittert nur, wenn sie ausgestreckt oder in Bewegung ist.

Nun kommt es aber vor, dass ein Kranker weder befragt noch solchen Tests unterzogen werden kann. Dann muss er dennoch durch die große Diagnostikmühle. Mumenthaler berichtete von einem bisher gesunden Lehrling, den man bewusstlos im Zimmer fand. Der Notarzt erreichte weder durch Zuruf noch durch Schmerzreize eine Reaktion.

Ein tiefes Koma also – aber Atmung, Herzfunktion und Blutdruck waren normal. In der Klinik rätselte man: Vergiftung, vielleicht mit Drogen? Akute Hirnblutung? Unterzuckerung? Magenauspumpen, Computertomogramm des Gehirns, Labor, Lumbalpunktion, Elektroenzephalogramm – alles blieb ohne Befund.

Bis der Chefarzt geholt wurde. Der vermutete ein nicht organisches Koma, schrie den Patienten kräftig an, und da schlug dieser die Augen auf. Es stellte sich heraus, dass er in der Lehrwerkstatt etwas gestohlen hatte. Also eine Art Totstellreflex aus Angst vor den Folgen, aber keine Simulation, sondern ein echtes Koma. Was man bei dem schmerzgeplagten Patienten aus der ersten Fallschilderung zu Unrecht vermutet hatte: bei dem gewissensgebissenen Lehrling hatte wirklich die Psyche die Macht über den Körper gewonnen.

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