Gesundheit : Zeigt her eure Füße

Wie Zuckerkranke sich schützen können

Rosemarie Stein

Einem Zuckerkranken wurde „wegen fortschreitenden Brandes die rechte große Zehe abgenommen“. Und „bei einem Einjährigen lenkte eine zu brandigem Zerfall neigende oberflächliche Brandwunde am Fuß den Verdacht auf Zuckerruhr. Der Zustand verschlimmerte sich rasch, und es erfolgte der Tod im Koma."

Der „Einjährige“ war kein Kind, sondern ein Soldat. Die Fallbeispiele stammen aus der Dissertation „Über die Häufigkeit des Diabetes mellitus im Meer“ von Gottfried Benn, der mit dieser mageren statistischen Arbeit 1912 von der Berliner Universität zum Doktor med. promoviert wurde. Das zuletzt zitierte Beispiel zeigt: Dass der brandige Zerfall des Fußgewebes keine Begleiterscheinung des Diabetes ist, sondern eine seiner schweren Folgen, dies wusste auch der Dichter schon, der sein Brot zeitlebens als Berliner Hautarzt verdiente.

Der Diabetes lässt sich heute zwar so gut behandeln, dass Spätschäden wie Blindheit, Nierenversagen, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Beinamputationen sich oft vermeiden ließen. Aber längst nicht alle Zuckerkranken werden optimal behandelt und gehen mit ihrem Leiden selbst sorgfältig genug um. Vielen ist unbekannt, dass nicht nur der Blutzucker, sondern auch ein zu hoher Blutdruck gesenkt werden muss, um Komplikationen vorzubeugen.

Vier Millionen diagnostizierte Zuckerkranke leben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Deutschland. Nach verschiedenen Erhebungen leiden oder litten ungefähr fünf Prozent der Diabetiker an Fußgeschwüren, und mehr als zwei Prozent müssen sich Füße oder gar Beine amputieren lassen. Die Rate der Fußamputationen ist bei ihnen 22mal höher als bei Nicht-Zuckerkranken.

Ein besonderes Risiko, fußkrank zu werden, haben ältere, langjährig kranke oder den unteren Schichten angehörende Diabetiker, sagte Martin Schomaker, Hautarzt am Vivantes-Klinikum Spandau, nun bei einer Tagung der Berliner Dermatologischen Gesellschaft. Zwei Diabetesfolgen nannte er als Risiko für die Füße: Die arterielle Verschlusskrankheit, wobei vor allem Beinarterien verengt oder verschlossen sind, und die Polyneuropathie, eine Degeneration der Nervenbahnen, die nicht mehr richtig versorgt werden, weil die Blutgefäße durch die „ Zuckervergiftung“ geschädigt sind.

Dann ist vor allem in Händen und Füßen das Gefühl gestört, und weil diese Störungen vom Kribbeln bis zur Taubheit reichen, spürt der Diabetiker nicht den Schmerz durch Fußdeformitäten, Druckstellen, Verletzungen oder Steinchen im Schuh. All dies aber kann der Anfang tiefer, schlecht heilender und fortschreitender Fußwunden sein. Pilze und Bakterien siedeln sich dort an, und durch Keimeinschleppung kann die Infektion sogar das Knochenmark erreichen.

Sorgfältige Wundreinigung, nach Möglichkeit Schaffung eines gut durchbluteten Wundbettes, feuchte Behandlung nicht durchblutungsgestörter Wunden sind Prinzipien der Behandlung. Bei Infektionen müssen rasch Antibiotika angewandt werden. Zeigt sich nach sechs Wochen noch kein Erfolg oder ist Gewebe großflächig abgestorben, womöglich bis auf den Knochen, ist ein chirurgischer Eingriff nötig. Bei einem Arterienverschluss wird der Gefäßchirurg einen Bypass (wie beim Herzen) erwägen. Notfalls bleibt nur die Amputation.

Soweit muss man es aber nicht kommen lassen. Was der Hautarzt Schomaker den Zuckerkranken rät: Passende, keinesfalls zu enge oder zu harte Schuhe tragen; macht der Fuß schon Probleme, ist orthopädisches Schuhwerk nötig. Täglich sollte der Diabetiker seine Füße auf Druckstellen und Verletzungen kontrollieren oder Angehörige darum bitten, falls er nicht mehr gut sieht. Auch winzige Wunden ernst nehmen!

Regelmäßige ärztliche Fußinspektionen sind ebenso wichtig wie eine fachgerechte Fußpflege. Die findet man laut Schomaker mit Sicherheit nur bei Fußpflegern mit der Zusatzausbildung als „Podologe“, und die weist das Praxisschild aus.

Informationen: Deutscher Diabetiker Bund, www.diabetikerbund.de

Amputierten-Initiative e.V. (berät auch über die Verhütung von Amputationen): Telefon 030/803 26 75 und www.amputierten-initiative.de

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