Gesundheit : Zeit fürs Baby

Keine Hektik: Eine Studie belegt, dass viele Paare mit der künstlichen Befruchtung länger warten können

Adelheid Müller-Lissner

Nicht immer klappt es auf Anhieb. Bei zehn von 100 Paaren, die sich ein Kind wünschen, tritt die ersehnte Schwangerschaft auch nach einem Jahr nicht ein. Das ist jedoch nicht immer ein Grund für eine künstliche Befruchtung, wie eine niederländische Studie belegt, die nun im Fachblatt „Lancet“ erschienen ist (Band 368, Seite 216). Zumindest Paare, bei denen sich keine Ursache für den fehlenden schnellen Erfolg ermitteln lässt, können beruhigt noch ein weiteres halbes Jahr warten.

Pieternel Steures vom Zentrum für Reproduktionsmedizin in Amsterdam und seine Kollegen verglichen für ihre Untersuchung die Strategie des Abwartens mit dem Einsatz der intrauterinen Insemination, bei der aufbereiteter männlicher Samen direkt in die Gebärmutter eingebracht wird. 253 Paare beteiligten sich, alle Frauen waren unter 39 Jahre alt und hatten regelmäßige Menstruationszyklen, bei allen Männern und Frauen war zuvor ohne Ergebnis nach häufigen Ursachen für Unfruchtbarkeit wie Undurchlässigkeit der Eileiter oder geringe Spermienzahl gefahndet worden. Alle hatten sie demzufolge nach Einschätzung der Mediziner eine über 30-prozentige Wahrscheinlichkeit, im nächsten Jahr schwanger zu werden.

Nach dem Zufallsprinzip wurden anschließend eine Behandlungs- und eine Kontrollgruppe gebildet: Bei der einen Hälfte der Frauen wurden zunächst die Eierstöcke mit Hormonen zur Produktion befruchtungsfähiger Eizellen stimuliert und anschließend Samenzellen direkt in die Gebärmutter eingeführt, bei der anderen einfach abgewartet. Nach sechs Monaten Behandlung oder Abwarten waren in der Kontrollgruppe sogar etwas mehr Frauen schwanger als in der der behandelten Frauen: 29 waren es in der Behandlungs-, 34 in der Wartegruppe, also 23 und 27 Prozent.

Zumindest in diesen Fällen, in denen keine Ursache für eine mögliche Unfruchtbarkeit gefunden wurde, ist also Abwarten nach Ansicht der Autoren die bessere Strategie. Denn die reproduktionsmedizinische Behandlung ist nicht nur teuer und psychisch belastend. Die hormonelle Stimulation führt auch häufiger zu Mehrlingsschwangerschaften, die für Mutter und Kind nicht ungefährlich und von den Fortpflanzungsmedizinern gefürchtet sind. In dieser Studie kam es etwa zu einer Drillingsschwangerschaft, bei der einer der Feten getötet werden musste, um das Überleben der anderen beiden zu sichern.

„Abwarten bedeutet allerdings nicht, dass man nach einem Jahr des ergebnislosen Wartens auf eine Schwangerschaft nicht zum Arzt gehen sollte“, kommentiert Andreas Tandler-Schneider vom Fertility Center Berlin. Denn es sollte zunächst nach möglichen Ursachen für Unfruchtbarkeit oder verringerte Fruchtbarkeit bei beiden Partnern gesucht werden, wie es bei den Paaren, die in die niederländische Studie eingeschlossen waren, zuvor geschehen war. „In 90 Prozent der Fälle finden wir eine solche Ursache“, sagt der Reproduktionsmediziner.

Unter Umständen ist dann eine künstliche Befruchtung außerhalb des Mutterleibs zu erwägen, die In-Vitro-Fertilisation (IVF) oder, wenn die Ursache beim Mann liegt, eine ICSI (Intra-Cytoplasmatische Spermieninjektion), bei der ein einzelner Samenfaden direkt in die Eizelle eingespritzt wird. Verlaufen die Zyklen der Frau ohne Eisprung, dann ist eine hormonelle Stimulation sinnvoll.

Wenn sich allerdings solche Gründe nicht ausmachen lassen, kann der Fortpflanzungsmediziner das Paar beruhigen und mit den Daten der Studie im Rücken getrost zum Abwarten ermuntern.

Studien aus England, wo die einschlägigen Zentren lange Wartelisten führen, haben gezeigt, dass sich nicht wenige Paare nach und nach aus der Liste streichen lassen, weil ihr Kinderwunsch sich in der Zwischenzeit ohne medizinische Hilfe erfüllt hat. „Wir besprechen diese Chancen mit unseren Patienten, machen die Behandlung dann aber teilweise auch von ihren Wünschen abhängig“, erklärt Tandler-Schneider.

Viele Paare geraten heute schnell in Panik, wenn es mit der Schwangerschaft nicht gleich klappt. Vielleicht weil sie inzwischen zur Erwartung neigen, dass Schwangerwerden genauso zuverlässig funktioniert wie Verhüten. Auch die Verwandtschaft drängt junge Paare vielfach, sich schnell reproduktionsmedizinischen Beistand zu suchen – der vielleicht gar nicht nötig ist.

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