Gesundheit : Zeit-Stiftung: Nicht zu schade für die Hauptschule

Gudrun Weitzenbürger

Der Raum riecht muffig. Die Holzbalken in der Mansarde tragen das Dach der Hamburger Schule Tieloh beinahe seit einem ganzen Jahrhundert. Nun sind Männer in weißen Overalls dabei, den letzten für den Schulbetrieb noch nicht erschlossenen Raum herzurichten. Die Balken werden geschliffen, eine Zwischendecke wird gezogen, die Wand zum Nachbarraum durchbrochen und so Platz geschaffen, um hier eine Fahrradwerkstatt einzurichten. Schüler der Haupt- und Realschule Tieloh werden diese Werkstatt betreiben, Fahrräder montieren und diese verkaufen und Räder reparieren. Wenn alles gut läuft, soll sich das Projekt in drei Jahren selbst tragen.

So hofft es auch die Zeit-Stiftung. Die vornehme Hamburger Stiftung hat die Initiative "Lern-Werk Hamburg" ins Leben gerufen. Mit diesem Projekt vergibt sie über einen Zeitraum von drei Jahren Fördermittel an vier Hauptschulen, von denen sie meint, dass die Lehrer und Schüler Ausdauer und genügend Verve besitzen, Reformprojekte durchzuziehen. Da ist neu, denn bisher war die Zeit-Stiftung eher elitär aufgefallen, zum Beispiel durch die Gründung einer Hamburger Law school zur Reform der Juristenausbildung.

Die Schule Tieloh hat die Jury überzeugt und sie erhält 170 000 Mark Unterstützung. Direktor Ingo Willsch kann jetzt seine 400 Schüler in Grund-, Haupt- und Realschule mehr als bisher dazu motivieren, einen Schulabschluss zu machen, eine Lehrstelle zu finden und die Berufsausbildung durchzuhalten. Denn rund 30 Prozent der Hamburger Hauptschüler erreichen den Abschluss der neunten Klasse nicht.

Probleme dieser Zeit

Das hat auch die Zeit-Stiftung schockiert - deswegen greift sie jetzt am unteren Ende der Sozialskala ein. "Es verdirbt die Gesellschaft, wenn man nur auf junge, erfolgreiche Leute setzt", sagt der Programmleiter in der Stiftung, Albrecht von Kalnein. Für das neue Projekt hat die Stiftung ihre Satzung geändert und engagiert sich fortan neben ihrer hochrangigen Förderung in Wissenschaft und Kultur für sozial benachteiligte Jugendliche. Damit geht die Zeit-Stiftung nicht nur in reiche Stadtteile, sondern auch in solche mit sozialen Schwierigkeiten. Die Tieloh-Schule wurde von Sozialpädagogen als Brennpunktschule eingestuft.

"Was heißt das schon", fragt Rektor Ingo Willsch, dessen Schule im Arbeiterbezirk Barmbek einen Ausländeranteil von 25 Prozent aufweist. "Schule in einem sozialem Brennpunkt ist sie. Das klingt doch schon viel besser". Und er fügt hinzu: "Sie ist eben eine Schule dieser Zeit. Die Familien sind in Auflösung begriffen. Die Kinder werden außerhalb der Schulzeit von fremden Personen oder gar nicht betreut." Das habe ihn veranlasst, Projekte ins Leben zu rufen, bei denen die Schüler im Mittelpunkt stehen. "Wir müssen täglich Eltern abweisen, die ihre Kinder bei uns einschulen wollen", so Willsch über den Erfolg dieser Idee.

Die Hamburger Reformschule hat ihren Ursprung in den zwanziger Jahren. Vor zehn Jahren , als Schulen für das "Hamburger Technikkonzept" gesucht wurden, dachten die Behörden auch an Tieloh. Mit dem Technik-Projekt der Hamburger Schulbehörde sollten Hauptschüler "berufsorientiert gefördert" werden. So wurden in der Schule Tieloh Werkstätten geschaffen, in denen Schüler mit Metall und Holz arbeiten und in einer Küche das Kochen lernen. Mehr Unterricht in Technik und Arbeitslehre stehen seitdem auf dem Stundenplan. Eine Buchbinderwerkstatt wurde eingerichtet. In einem anderen Kurs lehrt Gerhard Delkeskamp den Schülern der siebten Klasse das Repararieren von Fahrrädern - Grundstein für die Idee des jetzt zu gründenden Schülerbetriebes "Fahrrad Tieloh". Der Technik- und Sportlehrer Delkeskamp leitet auch den "Sportclub Schule Tieloh", in dem Kinder am Nachmittag Kunst- und Einradfahren üben.

Für den Schülerbetrieb ist Delkeskamp zuversichtlich: "Warum nicht im Großen Erfolg haben, was im Kleinen schon funktioniert." Mit diesen pädagogischen Ansätzen hat die Schule die Kriterien der Zeit-Stiftung erfüllt. "Das Reformkonzept muss stimmig sein, die Schule sollte am Ort stark verwurzelt sein und sie muss beweisen, dass sie Programme durchziehen kann", sagt von Kalnein von der Zeit-Stiftung. Und damit die Gelder nicht umsonst vergeben werden und alles so läuft, wie die zuständigen Herren der Stiftung sich das vorstellen, wacht der Erziehungswissenschaftler Reiner Lehberger, Professor an der Hamburger Universität, über die Umsetzung. Die Lehrer sollten nicht für sich arbeiten, "der Deutschlehrer soll dem Mathelehrer zuarbeiten, damit ein Rädchen ins andere greift. Das Projekt ist vollkommen offen", so Lehberger."

Lehberger sieht in dem Projekt vor allem eine Chance für die Hauptschüler, ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Das ist besonders wichtig angesichts der hohen Zahl der Abgänger ohne Abschluss: "Die sind ja nicht blöd, das liegt an der Einstellung." Die meisten Hauptschüler scheiterten in der Berufsausbildung daran, dass sie sich nicht in den Betriebsalltag einfügen könnten. "Jedes Prozent, das eine Lehrstelle findet und die Ausbildung beendet, ist ein Erfolg", betont der Professor.

Auch die anderen drei Schulen, die Fördergelder von der Zeit-Stiftung bekommen, kämpfen mit ähnlichen Problemen großstädtischer Ballungsgebiete: viele Ausländerkinder, die die deutsche Sprache nicht beherrschen; Schüler, die vor Gewalt nicht zurückschrecken und ein hohes Konfliktpotenzial aus einem schwierigen Elternhaus mitbringen. Die Schule Königstraße in Hamburg St. Pauli beispielsweise wird mit den Geldern einen türkischen Pädagogen einstellen. Aus benachbarten Betrieben werden ein Schlosser, ein Tischler und ein Schneider in der Schule unterrichten: das praktische Lernen im Technikkonzept soll somit verstärkt werden.

Im nächsten Jahr wird das Projekt der Zeit-Stiftung in das bereits existierende Hamburger Projekt "Netzwerk" eingegliedert. Vor einigen Jahren als simple Kooperation zwischen Schulen und Unternehmen gedacht, hat es inzwischen einen Sinneswandel in der Wirtschaft herbeigeführt. Wenn man von Kalnein und Professor Lehberger glaubt, "schauen sich die Personalchefs heute auch Bewerbungen von Hauptschülern an." Früher wären diese prompt zurückgeschickt worden. Bisher konnten in zehn Schulen schon 40 Prozent der Schulabgänger in eine Lehrstelle vermittelt werden. Knapp ein Dutzend Unternehmen, darunter der Otto-Versand und der Versicherungsriese Hansa Merkur, werden Patenschaften an den vier "Zeit-Schulen" übernehmen.

Von Kalnein ist stolz, dass das Projekt auf diese Weise schon "gewirkt hat". Zwar kann die Stiftung nicht flächendeckend arbeiten. "Wir wollen anstiften, über Strukturen nachzudenken. Die vier Schulen sollen Leuchtturmfunktion haben und anregend auf andere Schulen wirken." Ein Wille zur Reform soll sich einstellen. Bleibt zu hoffen, dass das Hamburger Projekt der Hauptschule noch einmal einen Kick gibt.

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