Gesundheit : Zeitgeschichte: "Widerstand des 20. Juli noch immer unterschätzt"

Ingo Bach

Joachim Fest ließ keinen Zweifel aufkommen, was er unter dem Begriff "Deutscher Widerstand" versteht: Einzig die Männer des 20. Juli 1944 - also dem Tag des versuchten Attentats auf Hitler - verdienten diese Bezeichnung. Wohl deshalb drosch der renommierte Zeithistoriker bei seinem Vortrag an der Freien Universität in der letzten Woche so unerbittlich auf die Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand ein, die in ihrer ständigen Ausstellung auch den Kampf der Kommunisten gegen das Hitlerregime würdigt.

In Fests Augen war die KPD nur "eine unterlegene totalitaristische Konkurrenz, die mit dem Ethos des Widerstandes nichts zu tun hatte". "Wenn es eine Gedenkstätte für den Widerstand gegen den Stalinismus gäbe, dann müsste nach dieser Logik Hitler als größtem Gegner Stalins wohl ein ganzer Raum gewidmet werden."

Fests Entrüstung kommt nicht von ungefähr. Noch immer werde der Widerstand des 20. Juli abgelehnt, unterschätzt oder schlicht vergessen. "Umfragen belegen, dass die meisten Deutschen noch heute auf den Widerstand mit Ablehnung, Unverständnis und Unwissen reagieren", sagte Fest. Eine der Ursachen für das Fehlurteil der Geschichte liege bei den Verschwörern selbst. Nicht einmal sie glaubten an den Erfolg ihres Unternehmens, so Fest bei seinem Vortrag im Rahmen der ersten "Winfried-Fest-Lecture" an der FU. Einer der Hauptakteure, Henning von Tresckow, beschwor seine Verbündeten wenige Tage vor dem geplanten Termin, das Attentat durchzuführen, koste es, was es wolle, selbst wenn es keine praktische Auswirkungen habe. Es gehe darum, vor der Welt und der Geschichte zu zeigen, dass die deutsche Widerstandsbewegung den entscheidenden Wurf gewagt habe.

Tresckows Hinweis auf die praktischen Auswirkungen war durchaus nicht nur auf den inneren Erfolg des Staatsstreiches gemünzt, sondern auch auf seine außenpolitischen Folgen. Dem Widerstand war bewusst, dass auch nach einem gelungenen Staatsstreich kein Entgegenkommen der Alliierten gegenüber dem Deutschen Reich zu erwarten war. "Es hätte sich nichts an deren Kriegszielen geändert: bedingungslose Kapitulation Deutschlands, seine Besetzung und Teilung", sagte Fest. Allerdings hätte es auch keine Neuauflage der Dolchstoßlegende gegeben, die die Weimarer Republik während ihrer gesamten Existenz so sehr belastet hatte. Wenn nach dem erfolgreichen Umsturz über die Verbrechen der Nazis ungehindert berichtet worden wäre, hätte sich die Trauer um das Dritte Reich sicher in Grenzen gehalten, ist Fest überzeugt.

Innen- und außenpolitisch war also nichts zu gewinnen. Und so war der versuchte Staatsstreich "ein Aufzug des verlorenen Postens im Namen der Würde, der Gerechtigkeit und der Selbstachtung", meint Fest. Deshalb hatten die meisten der Verschwörer ihre große Stunde eigentlich erst vor dem Volksgerichtshof. "Sie wussten, dass sie nicht mit dem Leben davonkommen würden und sprachen unbeschwert", sagte Fest. So brachten sie dem Regime doch noch eine große Niederlage bei - ausgerechnet auf einem Felde, wo es sich am überlegensten dünkte, dem der Propaganda. Auf Befehl des Propagandaministeriums mussten die deutschen Medien schon nach zwei Tagen die Berichterstattung über die Prozesse gegen die Verschwörer einstellen. Zu sehr verstieß der Auftritt der Angeklagten gegen die vom Regime inszenierte Legende eines kleinen Kreises ehrgeiziger Militärs und Adliger. In Wahrheit umfasste der Widerstand Gewerkschaftsführer, Staatsbeamte, Unternehmer ebenso wie christlich-soziale Utopisten, Militärs, nationalkonservative Politiker und sogar ehemaligen Mittäter des Regimes.

Widerstand ohne gemeinsamen Nenner

In endlosen Debatten wurde über die Ziele des Umsturzes gestritten. "Es gab keinen auch noch so kleinen gemeinsamen Nenner", sagte Fest - außer dass sich die Beteiligten "noch ein Gefühl dafür bewahrt hatten, was Recht ist und was Unrecht". Das sei der Grund für die oft diagnostizierte "erstaunliche Tatenschwäche des Widerstandes" gewesen. Zum Teil stand den Beteiligten ihre eigene Moralität im Wege. "Viele lehnten ein Attentat auf Hitler ab. Der Gründungsakt des neuen Staates sollte nicht mit Blut besudelt sein, auch nicht mit dem des Diktators", sagte Fest. Und so mussten die Militärs, allen voran der tatkräftige Oberst im Generalstab Claus Graf Schenk von Stauffenberg, als Exekutive dienen. Doch war das kein Verrat an ihrem Eid, sondern das Gegenteil: "Diese Offizier erinnerten sich ihrer Pflicht, die die Generäle und Marschälle der Wehrmacht längst verraten hatten."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben