Gesundheit : Zeitreise mit dem Weihnachtsstern

Moderne Projektoren werfen 10000 Sterne naturgetreu an die Kuppel – es lohnt sich sogar, den Feldstecher ins Planetarium mitzunehmen

Thomas de Padova

Die Milchstraße zieht sich als schimmerndes Band über das Firmament. Sie führt am großen Himmels-W im Sternbild Kassiopeia vorbei, durchquert den Perseus, spaltet sich danach in zwei Stränge und läuft weiter und weiter. Als Kiklos Galaxias, als Milchkreis, wie ihn die alten Griechen nannten, umschließt sie die gesamte Himmelssphäre.

„Aber wer hat heutzutage schon mal die Milchstraße mit eigenen Augen gesehen?", fragt der ehemalige Astronomielehrer Volkmar Schorcht aus Jena. „Dieses erhebende Erlebnis kennt man als Europäer doch gar nicht mehr.“ Denn nachts sei es nirgends richtig dunkel. Die Sterne ertrinken im künstlichen Licht der Städte. Und selbst wer in ländlicher Gegend aufwächst, kann wegen der vielen störenden Lichtquellen das Schatten werfende Lichtband aus Abermillionen Sternen kaum mehr wahrnehmen.

Aber während die Schönheit des Nachthimmels verblasst, geben Planetarien die Milchstraße, die Meteorschauer und schweifenden Kometen inzwischen naturgetreu wieder. Vor allem zur Weihnachtszeit haben sie regen Zulauf. Sie locken das Publikum mit Geschichten zum Stern von Bethlehem. Und um den Stern der Weisen wiederzufinden, läuft die Himmelsuhr im Planetarium rückwärts bis zum Jahr Sieben vor Christus, als im Dezember Jupiter und Saturn sehr eng beieinander zu sehen waren und den Heiligen Drei Königen den Weg nach Bethlehem gewiesen haben könnten.

Das Wunder von Jena

In Freiburg werfen seit einigen Tagen neue, mit Glasfasertechnik ausgestattete Projektoren funkelnde Sterne an die Kuppel des Planetariums. Auch das deutlich größere Hamburger Planetarium wird derzeit für 9,4 Millionen Euro umgebaut. Aber nicht nur, um den Nachthimmel brillieren zu lassen oder den Tanz der Planeten im Tierkreis zu zeigen. Moderne Planetarien eignen sich auch für andere Arten der Wissensvermittlung und für Kulturveranstaltungen. Sie eröffnen den Blick ins Innere der Zelle, richten Multimediashows und Konzertreihen aus.

Die Technik dafür kommt aus Jena. Ehemals als „Wunder von Jena“ gefeiert, gelten die Projektoren der Firma Carl Zeiss in der Fachwelt auch nach 80 Jahren noch immer als das Nonplusultra. Zwar ringen zwei amerikanische, zwei japanische und eine französische Firma heute auf dem kleinen Markt mit um die Aufträge: weltweit nur etwa zehn bis zwölf neue Ausstattungen pro Jahr. Carl Zeiss aber ist immer noch Marktführer. Die Projektoren sind zwar meist etwas teurer als die der Konkurrenz, dafür arbeiten die Geräte aber nachweislich viele Jahrzehnte.

Der Skymaster (siehe Grafik) ist das kleinste Gerät, das Carl Zeiss anbietet. Der Projektor hat die für ältere Modelle typische Hantelform. Er bewegt sich über eine Getriebekette mit Zahnrädern um viele Achsen. Im Kleinplanetarium der Archenhold-Sternwarte in Berlin werfen seine 32 für Fixsterne vorgesehenen Objektive den Nachthimmel an eine acht Meter große Kuppel.

„Dieses klassische Gerät ist noch eng an den Beobachtungshorizont der Erde gebunden“, sagt Volkmar Schorcht, der seit 1982 bei dem Unternehmen Carl Zeiss arbeitet. „Mit den neueren Projektoren dagegen kann man einen Flug durch das Sonnensystem bis zum Pluto machen oder von außen auf unser Sonnensystem hinabschauen.“ Und dank der elektronischen Steuerung über Dutzende kleine Rechner erscheint die Planetenkonstellation zur Zeit Christi Geburt in Sekundenschnelle. Denn bei den neuen Apparaturen entfallen die langen Laufzeiten der Zahnräder. Stattdessen sind alle Sterne auf einer kompakten Kugel angeordnet, dem Starball. Die Planeten und Monde haben gesonderte Projektoren.

Alle 10000 Sterne im Blick

Im Starball, der Sternenkugel, sitzt eine gewöhnliche 400-Watt-Bogenlampe. Sie allein reicht aus, um einen beeindruckenden Sternenhimmel zu erzeugen und das Flimmern der Sterne täuschend echt nachzubilden. Und zwar all jener knapp 10000 Sterne, die das menschliche Auge unter den besten Beobachtungsbedingungen im Freien erkennen kann. Damit dies mit einer derart kleinen Lampe gelingt, muss die Lichtleistung optimal ausgenutzt werden. Es darf kein Licht verloren gehen. Feine Glasfasern unterschiedlicher Stärke leiten das Licht der Bogenlampe weiter. Sie sind bis auf einen Mikrometer genau ausgerichtet und enden jeweils an einem Loch in der Sternmaske des Projektors. Jedes Loch erzeugt einen Stern an der Kuppel. Mit Hunderten dünner Fasern lässt sich so ein ganzes Himmelsareal effizient ausleuchten.

„Früher hat die Lampe nicht nur die Löcher, sondern die gesamte Fläche der Sternmaske beleuchtet“, sagt Schorcht. „Heute wird das Licht ausschließlich den Sternen zugeführt. Das bringt uns einen ungeheuren Helligkeitsgewinn.“ In dem bereits 1930 eingeweihten Planetarium im Hamburger Stadtpark, einem 56 Meter hohen Backsteingebäude, werden die Besucher daher künftig punktförmige Sterne sehen. Die künstlichen Sterne sind so klein, dass das menschliche Auge sie nicht mehr als Scheibchen zu erkennen vermag. Und sie flimmern wie die echten Sterne, deren „Szintillation“ durch die Luftunruhe der Erdatmosphäre entsteht. Es dürfte sich sogar lohnen, ein Fernglas mitzunehmen. Denn die digitale Technik gibt auch Sternhaufen, die sich aus vielen fahlen, dicht beieinander liegenden Sternen zusammensetzen, realistisch wieder.

Von den knapp 60 Planetarien in Deutschland hat Carl Zeiss in den vergangenen Jahren bereits einige mit der neuen Glasfasertechnik ausgestattet, unter anderem das Planetarium in Bochum, das weltweit als eine der modernsten Himmelsbühnen gilt.

In Berlin bleibt’s beim Alten

Aufträge aus Berlin jedoch erwartet man in Jena in absehbarer Zeit nicht. Das Zeiss-Großplanetarium und die Wilhelm-Förster-Sternwarte haben zwar noch die hantelförmigen Zeiss-Projektoren, von den Berlinern auch liebevoll „Knochen“ genannt. „Aber auch wir wissen, dass der Berliner Senat kein Geld hat“, sagt Schorcht. Am Himmel über Berlin werden auch künftig etliche Stars fehlen. Die Weihnachtsvorführungen aber sind deshalb nicht weniger schön.

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