Gesundheit : Zettels Albtraum

Heiner Müller schrieb alles voll, was er in die Hände bekam: Maren Horn archiviert seinen Nachlass – und ist nach fünf Jahren fast fertig

Stefan Kaufer

Zumindest in einem Punkt gleicht die Arbeit des Archivars derjenigen des Psychotherapeuten: Das Ziel ist erreicht, wenn man nicht mehr gebraucht wird. „In gewissem Sinne will ich mich überflüssig machen“, sagt Maren Horn, „denn der Benutzer soll alles selber finden können“. Im Fall des Nachlasses des 1995 verstorbenen Dramatikers Heiner Müller, den sie seit fünf Jahren betreut, ist der wichtigste Schritt in diese Richtung nun bald abgeschlossen – die Aufarbeitung und Verzeichnung.

Im Haus der „Stiftung Archiv der Akademie der Künste“ am Robert-Koch-Platz kennt man die Vermächtnisse berühmter Persönlichkeiten aus dem Effeff. Von den rund 800 Einzelbeständen der 1696 gegründeten und nach ihrer West-Ost-Teilung 1993 wieder vereinigten Akademie sind die wichtigen Bereiche Darstellende Kunst, Film, Theaterdokumentation, Musik und Literatur in dem unscheinbaren Zweckplattenbau aus DDR-Zeiten untergebracht. So berühmte Namen wie Heinrich Mann oder Arnold Zweig füllen hier mit ihren bekannten Schriften oder unbekannten Tagebüchern und Briefen die Regale. Heiner Müller, der nun schon so lange Maren Horns „täglich Brot“ ist, fordert der Archivarin mit 15 Jahren Berufserfahrung ein besonders hohes Maß an Flexibilität und Kreativität ab.

„Seine Arbeitsweise ist eine ganz besondere“, erzählt sie. Nicht nur, dass viele von Müllers Texten keiner Gattung wie Lyrik oder Drama eindeutig zuordenbar sind. Der Autor, der 130 000 Blatt Papier hinterließ und offen bekannte, dass ihm Wegwerfen Angst macht, ging auch nicht nach dem Schema „Idee-Rohfassung-2.Fassung-Endfassung“ vor. Sondern im Abstand von Jahren finden sich auf den fast immer undatierten einzelnen Blättern Notizen, Entwürfe und Textzeilen zum selben Projekt. Erschwerend kommt hinzu, dass Müller nahezu jeden Zettel, der ihm in die Hand kam, voll schrieb – und zwar so voll, wie Kinder ein Bild ausmalen. Maren Horn hält es für möglich, dass das zumindest in den frühen Jahren auch mit seiner Armut und überdies einem allgemeinen Papiermangel in der ehemaligen Ostzone zusammenhängen könnte. Auch stelle man sich nicht vor, dass Müllers Papiere – von denen sie sich immer einen kleinen Teil aus dem wohltemperierten Schutzraum in ihr schmales, an einem kafkaesken Bürogang liegendes Zimmer holt – ein einheitliches A4-Format haben: Servietten, Zigarrenpackungen, Bierdeckel oder Briefumschläge gehören genauso dazu. Letztere helfen dann wenigstens bei der Datierung der Notizen.

Bei Müller gehört die Kunst ganz offensichtlich auf keine höhere Treppe als das alltägliche Leben. Deshalb stehen fundamentale Sätze etwa über Hamlet neben Telefonnummern, Einkaufslisten, Erinnerungen an noch zu Erledigendes oder spontanen Gedanken. Diese chaotisch anmutende Fülle ohne Computer ordnend erfassen, wäre „schwer vorstellbar“, sagt die Archivarin. Doch mit elektronischer Hilfe, viel Geduld für Details und einem wachen, zugleich sachlichen Interesse dem Toten gegenüber ist es ihr in den vergangenen Jahren gelungen, ein – inzwischen fast fertig geknüpftes – Netz über seine für viele so kostbare Hinterlassenschaft zu werfen.

Dieses Netz greift möglichst jede relevante Kleinigkeit auf und zeigt mögliche Verbindungen zu anderen auf, ohne sie jedoch zu erzwingen. Denn wie die Grundregel jeder guten archivarischen Arbeit besagt: „Die wertende interpretatorische Arbeit machen die anderen, etwa die Herausgeber von Büchern, wir stellen nur alles bereit.“

Um dies im Falle von Heiner Müller zu gewährleisten, wird es bald ein dickes „Findbuch“ zur Recherchehilfe geben – mit einem umfangreichen Register, das auf die Verbindungen zwischen den einzelnen Aufzeichnungen hinweist. Dieser Anhang hat jetzt schon über 16 000 Einträge. Im Computer wird der Müllerianer sich zusätzlich durch Datensätze klicken können, die zur Orientierung kurze Zitate aus den einzelnen Blättern enthalten. Und wenn er es ganz bequem haben will, kann er auch einfach „Hamlet“ in eine Suchmaske eingeben und alles durchforsten lassen.

Alles möglichst ohne Maren Horns Hilfe. Die Archivarin muss ihre Zeit dann nämlich hauptsächlich darauf verwenden, sich für einen anderen Künstler überflüssig zu machen.

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