Gesundheit : Zimmer frei

Zwölf Quadratmeter für 160 Euro: Ins Studentendorf Schlachtensee kehrt das Leben zurück

Juliane von Mittelstaedt

Die ideale Lernatmosphäre ist dahin. Aber so richtig trauert ihr keiner hinterher. Es war einfach zu leise, als von 1062 Studenten nur noch 30 da waren. So leise, dass man hörte, wie die Maulwürfe scharren, der Rost nagt und der Schimmel blüht. Wie sollte man sich da aufs Lernen konzentrieren?

Jetzt ist die Stille dahin: Sie rollen wieder. Lange Zeit kamen hier nur leere Umzugswagen an und fuhren voll davon, jetzt ist es andersherum. Statt „Tschüss“ sagt man jetzt wieder „Hallo“. Bislang sind rund hundert neue Studenten in das Studentendorf Schlachtensee gekommen.

Einst wohnten hier zehnmal so viele in den 23 Bauten aus den 50er und 70er Jahren. Die amerikanische Ford-Foundation hatte sie gestiftet, damit die Studenten eine Gelegenheit bekommen sollten, Demokratie zu erproben. Doch schließlich fehlte Berlin das Geld zur Instandhaltung. 1998 wurde das Areal zum Kauf ausgeschrieben. Dass Investoren hier viel Altes abrissen, verhinderten die Studenten. Jetzt verhandelt der Senat mit ihnen über einen Kaufvertrag

Hanteln und Surfen

So heißt es seit einigen Monaten wieder offiziell: Zimmer frei. 500 mal zwölf Quadratmeter Dorfleben in einer Sechser-WG sind derzeit noch zu vergeben, für je 160 Euro im Monat. Inklusive Hantelschwingen und Endlos-Surfen, Kneipe um die eine Ecke, Uni um die andere. Also eigentlich fast alles, was man als Student braucht.

Deshalb kommen nicht nur neue Bewohner, sondern ein paar alte und alt-neue Studentendorf-Rückkehrer sind auch dabei, wie Wilke Hermes und Martin Meyerhoff. Die Tiermedizinstudentin war im Winter 1998 im Studentendorf eingezogen, im Februar 2001 musste sie raus. Endgültig. Abreißen und neubauen hieß es damals. Nur eben nicht für Studenten, sondern für Leute mit Geld. Letztendlich hat die Selbstverwaltung der Studenten mit ihrer Hartnäckigkeit gesiegt. Es war ein Feldzug gegen den Verfall und auch gegen den Berliner Senat.

Wilke Hermes ist bereits im Oktober eingezogen, da war noch nicht klar, was mit dem Dorf passieren würde. Aber von abreißen und neubauen war schon keine Rede mehr. In der Zwischenzeit hat sie alleine gewohnt, aber ihr fehlten die Wohngemeinschaft, das Multikulti, die gemeinsamen Partys am Abend und dass einfach jeder mit jedem schwatzt. Jetzt wohnen sie zu dritt in einer WG im Haus 25, es ist frisch renoviert und ab und zu packt Wilke Hermes auch mit an. Drei Zimmer stehen noch leer. Handwerkliche Fähigkeiten sind für Neumieter von nicht zu unterschätzendem Vorteil, denn wer will, kann bei der Instandsetzung seine Miete abarbeiten. Noch praktischer geht es kaum: Wohnung plus Nebenjob. Die Stimmung steigt. „Jetzt kommt endlich wieder Leben in die Bude", erzählt Wilke Hermes.

Martin Meyerhoff kam im Januar. Er hatte von dem Wohnheim im Grünen gehört und kurz entschlossen angerufen. Komm doch einfach her, hieß es. Er kam und blieb. „Bock auf Campusleben“ hatte er, weil man in WGs irgendwie auch in seiner eigenen Soße schwimmt. „Im Dorf trifft man immer wieder jemand Neues.“ Martin Meyerhoff hat die Einzugswelle zu Beginn des Sommersemesters miterlebt, wie sein Haus Nr. 24 immer voller wurde und die Fahrräder vor der Tür immer mehr.

Eindeutig, die Zeiten geplatzter Rohre und verfilzter Rasenflächen sind vorbei, auch wenn sich rein äußerlich ansonsten wenig verändert hat außer der Höhe der Hecken. „Die Fassaden kommen zuletzt“, erklärt Jens-Uwe Köhler, Student und Vorstandsmitglied der neu gegründeten Genossenschaft. Stück für Stück soll renoviert werden, in Eigenregie und mit den Geldern aus der Vermietung. Der Verkauf von Genossenschaftsanteilen soll Bares in die Kasse spülen, um später mit der richtigen Sanierung beginnen zu können. Bisher sind vier der zwölf Häuser provisorisch renoviert und fast vollständig vermietet.

Ein bisschen grollen die Studenten Jens-Uwe Köhler und Johannes Prüßner, weil viel Zeit verloren gegangen ist – „Auf uns rollt plötzlich eine Welle von Arbeit zu, mit der wir schon vor einem Jahr hätten beginnen können“ – und gleichzeitig freuen sie sich, dass es endlich losgeht. Das Echo bei den Studenten sei gut, das Interesse groß. Plakate in der FU-Silberlaube und die verlockend niedrigen 160 Euro Monatsmiete tun das ihrige. „Fast jeder, der sich die Zimmer anguckt, bleibt“, berichtet Johannes Prüßner. Auch wenn die Mietverträge im Moment am Ende jeden Monats verlängert werden müssen, weil der Kauf eben noch nicht unter Dach und Fach ist.

Internationales Flair

Neben Studenten mit Langzeit-Ambitionen kommen aber auch Gaststudenten aus aller Welt, Kurzzeit- und Neuberliner sowie die Teilnehmer der FU-Sommeruni, die hier gerade für einen Monat Quartier bezogen haben. Mindestens die Hälfte der Zimmer muss vermietet werden, damit die Pläne der Studenten aufgehen, daher sind sie im Moment über jedes belegte Zimmer froh. Gut, dass viele der Studenten, die mit dem Austauschprogramm Erasmus aus ganz Europa für ein oder zwei Semester in Berlin sind, hier zum Herbst einziehen sollen. Die Erasmus-Organisatoren seien begeistert gewesen von der Qualität der Renovierung in Schlachtensee, sagt Johannes Prüßner.

Wenn die Nachfrage anzieht, wollen die Schlachtenseer sogar bis zu 1000 Wohnheimplätze bereitstellen. Bislang sind sämtliche Mieteinnahmen in die Renovierung geflossen, sagt Johannes Prüßner. Das ärgert das Studentenwerk, das leer ausgeht, obwohl es die Betriebskosten übernimmt. Prüßner und seine Kommilitonen versprechen, die Außenstände zu begleichen, sobald der Vertrag mit dem Studentenwerk zur Zwischennutzung unterschrieben ist.

Jens-Uwe Köhler und Johannes Prüßner sind zuversichtlich. Für ihre Vision vom gemeinschaftlichen Studentenwohnen haben sie sich schließlich jahrelang „ehrenamtlich hauptberuflich“ engagiert, vier Jahre, in denen sie von „ein bisschen Protest mit Unterschriftensammeln“ in die Rolle des Käufers hineingewachsen sind. Doch nun scheint ein Ende in Sicht, fehlt nur noch die Unterschrift unter dem Vertrag, damit nach vier Jahren wieder alles so wird, wie es vorher war und vielleicht sogar ein bisschen besser.

Mehr zum Thema im Internet:

www.studentendorf.de

Telefon Vermietung: 805 885 17

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