Gesundheit : Zu Gast in Berlin: Alice Shalvi: "Ich werde wiederkommen"

Anke Assig

Viele hundert Webseiten führen zu den Worten und Taten von Alice Shalvi. Universitäten von Jerusalem bis Philadelphia verweisen auf ihre Vorlesungen, namhafte jüdische Zeitungen speichern ihre Reden in Online-Archiven und feministische Vereinigungen bekennen sich zu der Literaturprofessorin als ihrer geistigen Mutter. Der kleinen weißhaarigen Frau ist das unheimlich. Zwar ist ihr bewusst, dass sie eine "public figure" auch außerhalb ihrer Heimat Israel ist. Welche digitalen Spuren sie hinterlässt, war ihr allerdings nicht klar. Das sei ja geradezu so, als würde man beobachtet, findet sie. Für die agile 75-Jährige war der Computer bisher eher eine komfortable Schreibmaschine, doch nun setzt sie einen Kurs in Internetrecherche auf ihre Agenda.

Die Beachtung der Medien nimmt sie dennoch nicht übel. Ihre Vita kann gar nicht unbemerkt bleiben. Nach ihrem Literaturstudium an der Cambridge University emigriert die in Essen geborene Alice Shalvi 1949 nach Jerusalem, promoviert dort als Mutter von vier Kindern über Shakespeare. Lehrberuf reiht sich in den Folgejahren an Lehrberuf, bis sie schließlich die "Experimentelle religiöse Mädchenschule" gründet. Das klingt orthodox, ist es aber nicht. Mädchen und Frauen sollen die gleichen Chancen haben wie Männer. Um das zu erreichen, hilft entgegen der gängigen Meinung manchmal schon getrennter Unterricht. "Nur so merken junge Frauen, wie stark sie auch in den Naturwissenschaften sind", gibt Alice Shalvi zu bedenken. Ein kleiner Schritt auf dem weiten Weg zur Gleichberechtigung. Auch deshalb gründet sie Mitte der 80er Jahre mit anderen das "Israelische Frauennetzwerk". Und nicht erst von diesem Zeitpunkt an wird Alice Shalvi notorisch missverstanden.

Feminismus, das ist ihr klar, wird immer noch mit aufrührerischer Streitsucht gleich gesetzt. Vollkommen zu Unrecht, denn "worum es uns eigentlich geht, sind Werte, auf die jede echte Demokratie aufgebaut sein sollte. Das heißt grundsätzlich für alle gleiche Chancen, die gleiche Bezahlung, der gleiche Status. Und zwar unabhängig von Geschlecht oder Religion. Feministen, das sind Frauen und auch Männer, die sich genau dafür einsetzen."

Und weil das so ist, zählt der Verleger Moshe Shalvi zu den überzeugtesten Feministen. Alice Shalvi weiß, was sie an ihrem Mann hat. "Wir führen eine gleichberechtigte Partnerschaft, haben uns den Haushalt und die Erziehung unserer insgesamt sechs Kinder stets geteilt. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich heute bin". Ihm verdankt sie unter anderem auch die Kür zu den zehn besten Hausfrauen ihrer Heimatstadt. Den Gewinn, zehn Tage Urlaub, nutzt sie 1958 dazu, um Teile ihrer Doktorarbeit zu schreiben.

Eigentlich wollte Alice Shalvi nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen. Mit einem Trick schaffte es die Organisatorin des jüdischen Filmfestes, Nicola Galliner, letzten Sommer dann doch. Ohne ihre Protagonistin würde sie "Rites of Passage. The spiritual journey of Alice Shalvi" in Berlin nicht aufführen, bestimmte sie. Die "Drohung" wirkte. Über sechzig Jahre nach der Emigration aus ihrer Geburtsstadt Essen traf die engagierte Wissenschaftlerin auf ein völlig verändertes Berlin. Kosmopolitisch, lebendig, mit einer faszinierenden Kultur. Das war nicht mehr die Stadt der Nationalsozialisten, fand sie. Hier lebten jugendlicher Aufbruch und ehrendes Gedenken in nie erträumtem Miteinander. "Die Zahl der Denkmäler für das jüdische Leben hat mich sehr beeindruckt. Berlin ist kein Vergleich zu Essen." Von der Reaktion des Kinopublikums wird sie vollends überwältigt. "Das Gefühl von Sympathie, das die Zuschauer mir gaben, war unbeschreiblich. Da wusste ich, ich würde wieder kommen."

Nun ist sie bereits zum dritten Mal in der Stadt. Der Anlass ist eine weitere Ehrung für herausragende Verdienste als Vorreiterin der Friedensbewegung und der Gleichberechtigung. Die Alice-Salomon-Fachhochschule verlieh Alice Shalvi am vergangenen Freitag die Alice-Salomon-Medaille. "Wir haben Frau Shalvi ausgesucht, weil sie sich seit Jahrzehnten und über Grenzen hinweg für soziale Gerechtigkeit und die Rechte der Frauen einsetzt", begründet die Hochschule ihre Wahl.

Sicher ist, dass sie sich nicht einen einzigen Tag nach ihrer Rückkehr ausruhen wird. Die aktuelle Lage in Israel versetzt sie in Unruhe. Sobald als möglich will sie Kontakt mit dem Staatsoberhaupt aufnehmen. "Wir brauchen ein Parlament, das für alle gesellschaftlichen Gruppen offen ist. Wir brauchen eine pluralistische Gesellschaft." An ihrer Vision von einer Welt, in der es keine Rolle spielt, ob man weiblich oder männlich ist, konfessionell lebt oder nicht, hält sie entschieden fest. "Die Dinge ändern sich. Langsam, aber sie ändern sich".

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