Gesundheit : Zu Gast in Berlin: Wie es ist, eine Fledermaus zu sein

Dorothee Nolte

David Lodge hat etwas von einer Spitzmaus, wie er da auf dem Podium im Literaturhaus sitzt, klein, unscheinbar, etwas nervös, mit flinken braunen Augen und einem verschmitzten Lächeln. Und wie eine Spitzmaus ist er immer ein Stück schneller, eine Ebene weiter, immer schon um die Ecke rum. Dafür loben ihn die Kritiker: für die funkelnde Intelligenz seiner Romane, für das souveräne Spiel mit den Ebenen. Lodge gilt als ein Meister des angelsächsischen Genres "Campus-Roman".

Er ist nicht der Typ Schriftsteller, der sich gequält zurücklehnt, wenn man ihn nach seiner Arbeitsweise fragt, und seufzt, er könne sich nicht selbst erklären, das sollten die Literaturwissenschaftler übernehmen. Nein, Lodge, selbst seit fast drei Jahrzehnten Literaturprofessor an der University of Birmingham und Autor eines Buches über die "Kunst des Erzählens", erklärt seine Bücher besser, als es irgend jemand anders könnte, fachmännisch und distanziert; jegliche Geheimnistuerei ist ihm fremd, nur die kleinen Witze zwischendurch verraten, welch unwissenschaftlichen Spaß er an seinen Romanen hat. Dass einer, der an den Sprüngen des Denkens eine solche geradezu erotische Freude hat, irgendwann das Gehirn, das Bewusstsein selbst zum Thema eines Romans machen würde, hätte ein Logde-Kenner - das heißt am ehesten: Lodge selbst - wohl vorhersagen können.

Nun also der vierte Campus-Roman: "Thinks", auf deutsch "Denkt", soeben erschienen im Haffmans Verlag. Mit dem Ausdruck "Thinks" - (er, sie) denkt - bezeichnet man im Englischen die Denkblasen von Cartoon-Figuren, in denen schön säuberlich die Gedanken der Protagonisten offengelegt werden. So einfach ist es im echten Leben nicht: "Die Sprache offenbart unsere Gedanken nicht", sagt Lodge. "Wir wissen nicht, was und wie wir denken." Auch die Kognitionsforschung, von deren Ergebnissen er sich vor Jahren zu dem Roman anregen ließ, kann es nicht erklären. Gleichzeitig gibt es noch andere, nicht-wissenschaftliche Arten, über Bewusstsein nachzudenken und es darzustellen, etwa in der Kunst. "Ich wollte diese verschiedenen Zugänge einander gegenüberstellen", erläutert der Handwerker Lodge. "Daher habe ich zwei Figuren gesucht, die den wissenschaftlichen beziehungsweise den literarischen Umgang mit dem Denken verkörpern." Na klar: Helen und Ralph.

Ralph Messenger, Anfang 50, selbstbewusst und attraktiv, repräsentiert den Kognitionsforscher, der an einer englischen Universität ein eigenes Institut leitet. Zu Beginn des Romans sitzt er auf einer Terrasse und spricht seinen unkontrollierten Gedankenfluss auf Band, um eine Datenbasis für eine spätere Analyse zu haben. Aber ach, so unkontrolliert geht es nicht: Immer wieder funkt ihm die Erinnerung an einen Seitensprung mit einer Kollegin dazwischen - zu dumm, denn das bedeutet, dass er das Band nicht seiner Sekretärin zum Abschreiben geben kann. "Es geht in dem Roman um Untreue", sagt Lodge: nicht nur um die reale Untreue, zu der Messenger generell neigt, sondern um die grundsätzliche Untreue, die darin liegt, dass wir alle unsere Gedanken verbergen.

Auftritt Helen Reed, Roman-Autorin und Dozentin für Kreatives Schreiben, für ein Jahr zu Gast an Messengers Uni. Ihre Gedanken erfahren wir nicht vom Band, sondern, geordneter, aus ihrem Tagebuch. Auf einer dritten Ebene berichtet ein neutraler Erzähler quasi-wissenschaftlich, in der dritten Person, von den Begegnungen der beiden: Messenger versucht etwa, Helen die Aporien der Bewusstseinsforschung zu erklären: "Können wir zum Beispiel jemals wissen, wie es ist, eine Fledermaus zu sein? Nein, dazu gibt es nur eine Möglichkeit: selbst eine Fledermaus zu sein". Prompt stellt Helen ihren Schülern die Aufgabe, im Stil ihres Lieblingsautors zu beschreiben, wie es ist, eine Fledermaus zu sein. Diese Parodien auf Salman Rushdie und Martin Amis liest Lodge mit unverhohlenem Vergnügen, und das Publikum im Literaturhaus, an die hundert Lodge-Fans, kichert vor sich hin.

Lodge hat sein Buch übrigens an Rushdie und Amis geschickt, mit dem Zusatz: "eine kleine Hommage an Ihr Werk". Könnte man denn auch ihn, Lodge, parodieren, fragt FU-Literaturwissenschaftler Tobias Döring? Wohl kaum, vermutet der Meister: Es steckten zu viele Stile darin, welcher Stil soll da der typische sein? So schlägt er den Parodisten ein Schnippchen. Er ist halt immer schon ein Stück weiter.

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