Gesundheit : Zu schön, um wahr zu sein

Platon erfand Atlantis als perfekte Welt. Auch 2004 haben Menschen wieder versucht, die Existenz der Insel zu beweisen

Michael Zick

Atlantis lag bei Helgoland. Oder war Ceylon die sagenumwobene Insel? Vielleicht ging das mythische Reich ja auch im Sahara-Sand unter. Die Niederlande würden sich sowieso als Standort anbieten; aber auch der Kaukasus, Spitzbergen, Palästina, die Krim, Schweden, Südafrika, Preußen, die Arktis oder Nigeria, natürlich die Bahamas und das Bermuda-Dreieck. Troja war auch im Gespräch. Die Atlanter waren Goten oder Gallier, Druiden oder Skythen, Ägypter oder Götterabkömmlinge. Von Atlantis aus wurde die Welt besiedelt – Mexiko und Afrika, die Pazifikküste Südamerikas und das Mississippidelta, die Maya haben natürlich mit Atlantis zu tun und Ägypten ist dessen pure Reproduktion.

In der vorletzten Ausgabe des Mythos sollte das minoische Kreta Atlantis gewesen sein. Die Idee hatte Charme, auch wenn die Insel im Mittelmeer und nicht außerhalb liegt, und die minoische Kultur um 1450 v. Chr. unterging und nicht 7500 Jahre früher. Aber, immerhin, sie endete recht abrupt in einer Zeit, als die benachbarte Insel Santorin von einem gewaltigen Vulkanausbruch, mit Erd- und Seebeben und Feuer verwüstet wurde. Auswirkungen davon, zum Beispiel Ascheregen, sind in Kreta nachweisbar. Aber es gibt nicht den Hauch einer archäologischen – oder künstlerischen – Nachricht über eine solche Menschheitskatastrophe aus Kreta oder Umgebung, und auch die sonst recht geschwätzigen ägyptischen Quellen schweigen.

Die neueste Variante lässt Atlantis bei Zypern untergehen – gleich zweimal: Im April diesen Jahres geisterte die Meldung durch die deutsche Presse, Anfang Dezember wurde sie neu aufgelegt; so kurz ist das publizistische Gedächtnis hierzulande. Robert Sarmast, ein amerikanischer Architekt mit einem Faible für Verschollenes, hat im Mittelmeer zwischen Zypern und der Levante in 1600 Meter Tiefe Strukturen sonografiert und computersimuliert, die er für Mauern und Akropolis von Atlantis hält.

Ein Anstieg des Mittelmeeres um 1600 Meter in den letzten 11 000 Jahren ist freilich nirgends in der Wissenschaft vermerkt. Und Geophysiker, die im letzten Sommer die gleiche Region untersuchten, halten die Tiefseehügel für 100 000 Jahre alte Schlammvulkane. Derlei ficht den Hobby-Forscher nicht an. Und dass er Publicrelations für sein im Frühjahr erschienenes Atlantis-Buch machen will, weist Sarmast weit von sich. Den materiellen Beweis für seine These in Form von Mörtel oder Mauerwerk vom Meeresgrund überlässt er generös den Archäologen. Also weiterhin keine anfassbaren Artefakte aus Atlantis.

Wo begann der ganze Ärger? Platon (427 bis 347 v. Chr.), der große Dichter und Philosoph, hatte im Alter Großes vor: Er wollte nichts weniger als die Geschichte der Menschheit von den Urgründen bis zu seiner hochzivilisierten Zeit darlegen. Vor allem wollte er – angesichts nicht ganz idealer Verhältnisse im Athen seiner Zeit – den vorbildlichen Staat mit idealen Menschen und idealem Verhalten beschreiben. Für dieses Geschichtswerk stellt Platon, dem es mehr auf philosophische denn historische Wahrheit ankam, in zwei Dialogen Atlantis vor: Eine „gewaltige Macht, die vom Atlantischen Ozean aufgebrochen war und in ihrem Übermut gegen ganz Europa und Asien zugleich herzog“. Die Ur-Athener waren so ziemlich die einzigen, die sich dem Ansturm entgegenstellten: Sie waren siegreich, aber dann ereigneten sich „schreckliche Erdbeben und Überflutungen, es kam ein einziger fürchterlicher Tag und eine Nacht, da wurde eure (die athenische) gesamte Kriegsmacht von der Erde verschlungen, und ebenso ging die Insel Atlantis im Meer unter und verschwand“.

Ein ägyptischer Priester in Saïs erzählt dem frühgriechischen Staatslenker und Dichter Solon (etwa 640 bis 561 v.Chr.) diese Geschichte; ereignet habe sie sich 9000 Jahre zuvor – nach traditioneller Sicht der Menschheitsgeschichte also in der Altsteinzeit. Referiert wird die Solon-Erzählung von Platons Gesprächspartner Kritias, der sie wiederum von seinem Großvater hatte.

Platon ist die einzige Quelle für den Atlantismythos, es gab zu seiner Zeit auch keine volkstümliche Tradition dazu, wie etwa für Troja oder Minos – ein idealer Nährboden also für Spekulationen: Pure Dichtung oder ein Körnchen historische Wahrheit? Das ferne Echo der uralten Sintflutmythen oder Vehikel zum Transport einer neuen Platon-Vision – wie Platons Ideen-Höhle, die seltsamerweise niemand sucht?

Archäologen, Geophysiker, Meeresforscher, Klimatologen, Geologen, Mythenforscher haben nicht den geringsten Beleg für ein vorgeschichtliches, hochkulturelles Inselreich gefunden. Sie sind sich einig wie selten: Atlantis gibt es nur als Idee.

Die Atlantis-Enthusiasten müssen sich denn auch gewaltig ins Zeug legen, um Platon als Kronzeugen für ein real existierendes Atlantis zu gewinnen. Sie müssen seine Darstellung im Prokrustes-Bett überdehnen oder zurechtschnipseln, entweder Zeit oder Ort manipulieren. Ebenso willkürlich muss mit geologischen und anthropologischen Tatsachen umgesprungen werden.

Die gedruckten Versuche, Atlantis zu beweisen und zu lokalisieren, liegen, so eine Schätzung, bei weit über 30 000 Titeln. Und die Suche wird weitergehen, denn seine Mythen, das wissen die Soziologen, lässt sich der Mensch nicht so leicht nehmen. Zumal nach Aufklärung, Rationalität und Positivismus seit einiger Zeit eine subtile Remythologisierung unserer Gesellschaft eingesetzt hat – die Erkenntnisse der Naturwissenschaften reichen vielen Menschen als gültige Welterklärung nicht mehr aus, sie suchen, quer durch die Schichten, nach alternativen Deutungsmodellen des Lebens.

Das hatte in der Renaissance mit der Wiederentdeckung Platons begonnen. Neben den Versuchen das versunkene Atlantis physisch zu orten – etwa im neu entdeckten Amerika – nahmen sich vor allem Philosophen und Sozialreformer der Platon-Ideen an. Von Thomas Morus und seinem „Utopia“, Francis Bacon und „Nova Atlantis“, John Milton und seinem „Paradise Lost“ über Robert Owen, Immanuel Kant und Johann Gottlieb Fichte reicht die Wirkung von Platons Atlantis-Idee – wenn man so will – bis zu Karl Marx und der immer wieder aufflammenden Erfindung des „Neuen Menschen“, etwa im dichterischen Expressionismus deutscher Prägung.

Daneben treten die Scharen illegitimer Nachkommen Platons, die Phantasten, die ideologisch oder esoterisch verbiestert, jedes Jahr aufs Neue ein Atlantis endgültig entdecken.

Die Utopisten sind alle gescheitert. Die Esoteriker drehen sich im Kreis. Nur Platon bleibt bestehen. Man sollte sein Atlantis dort belassen, wo es hingehört – in die Gefilde der Geistes: Atlantis ist Utopia, der Triumph des Guten über das Böse, der Idee über die Tat. Ein Menschheitsmythos unter vielen.

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