Gesundheit : Zu viel der Ehre

Von George Turner, Wissenschaftssenator a.D.

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Universitäten binden gern Dritte an sich, vor allem wenn sie über Einfluss oder Geld, im Idealfall über beides verfügen. Die probaten Mittel sind die Verleihung des Ehrensenators und des Dr. honoris causa. Auch der Honorarprofessor erfreut sich großer Beliebtheit. Kaum ein Vorstand eines Unternehmens ohne Professor als universitäre Anerkennung. Und wenn das nicht funktioniert, bleibt ja noch der Professor, verliehen durch die Ministerpräsidenten – ein Relikt aus landesherrlicher Zeit, das einige so genannte Landesväter einsetzen, wenn es denn die Verfassung vorsieht. Auch Politiker lassen sich gern von den Hochschulen dekorieren, selbst wenn sie gleichzeitig über deren Gebaren herziehen und sie der Unfähigkeit zeihen.

Kein Mensch weiß mehr, was sich auf der Visitenkarte hinter dem „Prof.“ verbirgt. Auch beim Dr. h.c. ist eine Inflationierung festzustellen: statt ein Engagement für die Hochschule, besonders im finanziellen Sektor, mit einem Ehrensenator auszuzeichnen, wird – vor allem, wenn der Betroffene nicht promoviert ist – der Ehrendoktor verliehen. Selbstredend „vergisst“ man bald, wie es korrekt wäre den Zusatz „h.c.“ zu gebrauchen.

Ob die Ausgezeichneten immer die Voraussetzungen erfüllen, die von den eigens dafür erlassenen Ordnungen aufgestellt werden, mag dahin stehen. Jedenfalls wird keineswegs stets nur die „wissenschaftliche Arbeit“ gewürdigt. Deshalb war die Aufregung um die jetzt „aus Termingründen“ abgesagte Ehrenpromotion des russischen Präsidenten Putin an der Universität Hamburg verständlich. Dass hier noch eine politische Dimension ins Spiel kam, ist eine andere Frage. Die Hamburger Fakultät wollte auch das tun, womit ausländische Universitäten deutsche Politiker beglücken, damit sie mit einem Ehrendoktor im Reisegepäck nach Hause kommen. Ob es nun einen „Wink“ aus der Politik gegeben hat oder ob es vorauseilender Gehorsam der zuständigen Fakultät war, mag dahin stehen. Bestimmte Hochschulen beziehungsweise Fakultäten zeigen wieder einmal, dass sie den Anfechtungen nicht gewachsen sind. Die Universitäten haben auch auf diesem Gebiet längst ihre Unschuld verloren.

Deshalb bleiben zwei Erkenntnisse. Die erfreuliche: International ist Deutschland auf dem Vormarsch; der Angriff auf die Vormachtstellung Österreichs bei der Titelei verspricht Erfolg. Die betrübliche: Titelhändler, die versuchen, über Phantominstitutionen im Ausland ihre Kundschaft zu beglücken, müssen um ihr Einkommen bangen. Die deutschen Hochschulen besorgen es selbst. Oder haben „Promotionsberater“ diesen Markt entdeckt und mischen hier auch mit? Eine empirische Untersuchung darüber steht noch aus. Wer darüber promoviert, erwirbt einen ganz normalen Doktor!

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