Gesundheit : Zu viel Zucker im Mutterleib

Schwangerschaftsdiabetes ist die häufigste Komplikation, wenn Frauen ein Kind bekommen. Dann brauchen sie spezielle Betreuung. Im Diabeteszentrum für Schwangere bekommen sie die – ebenso wie werdende Mütter, die schon länger die Krankheit haben.

von
Beratung. Diabetesassistentin Susanne Lauterbach und die schwangere Patientin Linda Weber (vorn). Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Beratung. Diabetesassistentin Susanne Lauterbach und die schwangere Patientin Linda Weber (vorn). Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das Kind war nicht geplant. Eigentlich wollte Linda Weber noch nicht Mutter werden. Gerade erst hat die 23-Jährige ihre Ausbildung zur Altenpflegerin beendet. Und außerdem hat sie seit mehr als zehn Jahren Diabetes mellitus Typ 1 – jene Form der Krankheit, die nichts mit dem Gewicht zu tun hat und meist in jungen Jahren auftritt. Besonders gut eingestellt war ihr Diabetes nicht, als sie die Schwangerschaft bemerkte. „Meine Blutzuckerwerte waren nicht so optimal“, sagt sie. Sie war oft zittrig oder matt. Und sie hatte häufig Probleme mit den Nieren. Die können geschädigt werden, wenn die Blutzuckerwerte über längere Zeit nicht gut genug eingestellt sind.

Inzwischen geht es Linda Weber viel besser – seit sie im Berliner Diabeteszentrum für Schwangere im St.-Joseph-Krankenhaus in Tempelhof behandelt wird. „Meine Diabetologin hat mich hierhergeschickt, weil sie selbst nicht so viel Erfahrung mit Schwangeren hat“, sagt Linda Weber: „Hier hat man mir die Angst genommen.“ Sie sitzt im Sprechzimmer von Ute Schäfer-Graf. Die Leiterin des Diabeteszentrums ist in Deutschland die einzige Gynäkologin, die auch eine Zusatzqualifikation als Diabetologin besitzt. „Es gibt immer noch viele Frauen mit Diabetes, die ihre Krankheit nicht ernst genug nehmen und unvorbereitet in die Schwangerschaft gehen“, sagt die Oberärztin. Ist der Blutzucker bei Eintritt der Schwangerschaft nicht richtig eingestellt, ist das Risiko für Frühgeburten, kindliche Fehlbildungen und für Komplikationen während der Schwangerschaft höher. Augen- und Nierenfunktion der Frauen können sich verschlechtern.

Die meisten von Ute Schäfer-Grafs Patientinnen haben aber weder Diabetes Typ 1 noch Typ 2, der auch Altersdiabetes genannt wird und mit Übergewicht und mangelnder Bewegung zusammenhängt. Sondern eine dritte Form: Schwangerschaftsdiabetes – auch Gestationsdiabetes – ist eine der häufigsten Komplikationen, wenn Frauen ein Kind bekommen. Etwa sechs bis acht Prozent aller Schwangeren leiden an Schwangerschaftsdiabetes, schätzt Schäfer-Graf: „25 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter sind übergewichtig und Übergewicht ist der Hauptrisikofaktor für Gestationsdiabetes.“ Aber es trifft auch viele Normalgewichtige. Denn die Schwangerschaftshormone schwächen auch bei ihnen die Wirkung des von ihrer Bauchspeicheldrüse hergestellten Insulins, so dass der Körper mehr von dem Botenstoff braucht, um Kohlenhydrate zu verarbeiten. Seit März 2012 werden alle Schwangeren getestet, per Blutuntersuchung zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche. „Die Fachgesellschaften der Gynäkologie und Diabetologie haben lange dafür gekämpft, dass diese Untersuchung eingeführt wurde“, sagt Schäfer-Graf. Bis dahin wurde Schwangerschaftsdiabetes, der nach der Geburt bei rund 80 Prozent der Frauen vollständig wieder verschwindet, nämlich oft erst zu spät oder gar nicht erkannt. Ist das der Fall, kommen die Babys jedoch oft sehr groß und schwer zur Welt – mit einem besonders großen Bauch. Zu viel „Fettgewebe im Rumpfbereich“, nennt es Schäfer-Graf. Diese Kinder hätten ein erhöhtes Risiko später stark übergewichtig zu sein und Typ-2-Diabetes zu bekommen: „Ihr Stoffwechsel wird schon als Fetus falsch programmiert.“ All das gilt auch für die Babys von Typ-1- und Typ-2-Diabetikerinnen, deren Blutzucker in der Schwangerschaft nicht richtig eingestellt war.

Im Diabeteszentrum sorgen Ärztinnen, Hebammen und Diabetesberaterinnen und -assistentinnen dafür, dass die Patientinnen gesunde Kinder zur Welt bringen. Als Erstes steht immer eine Ernährungsberatung auf dem Programm. Linda Weber blieb außerdem für eine Woche stationär im Krankenhaus, um sich auf eine Insulinpumpe einzustellen, die sie kontinuierlich mit dem Botenstoff versorgt. Vorher hatte sie ihn sich gespritzt. Inzwischen kommt sie alle zwei Wochen zur Kontrolle ihrer Werte, die viel besser sind als vorher. Sie will auch dort entbinden: Das Diabeteszentrum ist Teil der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Auch Selvet Majd hat sich entschieden, ihr Kind dort zur Welt zu bringen. Sie leidet an Schwangerschaftsdiabetes: „Ich wusste schon, dass zu viel Zucker nicht gut ist, aber nicht, dass auch die Kohlehydrate in Brot und Nudeln problematisch sind. Und dass man nicht zu viel Obst essen sollte, weil auch da Zucker drin ist“, sagt die 40-Jährige. Wirklich übergewichtig war sie auch vor der Schwangerschaft nicht: „Ich habe währenddessen aber eher abgenommen. So diszipliniert wie während der Schwangerschaft habe ich noch nie gegessen.“ Dennoch gehört sie zu jenem Drittel Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes, das Insulin spritzen muss. „Ganz wichtig um den Blutzucker zu senken ist auch körperliche Aktivität“, sagt Ärztin Schäfer-Graf. Normalerweise empfiehlt sie etwa Schwimmen, Fahrradfahren oder Aquafitness. Selva Majd hat gelernt, wie sie eine spezielle Gymnastik nur mit Füßen und Armen machen kann – sie darf sich kaum bewegen, weil das Risiko einer Frühgeburt bei ihr groß ist. Das hat aber nichts mit dem Diabetes zu tun.  Die Behandlung war anscheinend erfolgreich: Bei der Ultraschalluntersuchung war zu sehen, dass ihr Kind wohl normal groß zur Welt kommt. Und auch bei Linda Webers Baby spricht nichts dagegen.

Diabeteszentrum für Schwangere, Wüsthoffstraße 15, Tel. 7882-2233, www.schwangerschaft-und-diabetes.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar