Gesundheit : Zukunft der Bibliotheken: Ins Internet oder in die Badewanne

Tom Heithoff

Am Anfang war das Wort. Und am Ende? Noch vor ein, zwei Jahrzehnten sah man beim Blick in die Zukunft das Ende des Wortes kommen und das Zeitalter des Bildes anbrechen. Dass tatsächlich wortlose Bilderzeiten anbrechen könnten, glaubt heute kaum noch jemand. Auch in unserer Bildschirmzeit steht das Wort weiterhin am Anfang: Jedes Computerprogramm beginnt mit "Start", und das Benutzerhandbuch nützt einem als virtuelles Buch herzlich wenig, wenn das Gerät einen gar nicht erst in die virtuelle Welt hineinlässt.

Auch die Literatur, die im Netz verbreitet wird, besteht aus Buchstaben. Man darf also die Behauptung wagen: Bilder bleiben Bilder, und Literatur bleibt Literatur. Zu fragen ist allerdings, wo und wie man das Wort, das Buch, die Literatur künftig aufbewahrt und verwaltet. Weiterhin in den Bibliotheken? Oder werden die Buchbestände bald ganz in virtuelle Räume verlegt werden?

Um darüber zu diskutieren, hatte die "Kulturverschwörung" kürzlich einen der großen Büchermenschen dieses Landes in die Berliner DG-Bank eingeladen. Paul Raabe, der von 1968 bis 1992 die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel geleitet hat, lässt sich von den neuen Medien nicht im Geringsten beunruhigen. Die Bibliothek sei nicht nur ein Ort des Lesens, sondern auch "ein Ort des Lebens", eine soziale Einrichtung, die vom Computer nicht ersetzt werden könne. Ein Buch bestehe aus mehr als seinen Informationen. Es habe sinnliche Qualitäten, sei beweglich und, da es ohne elektrische Energie auskommt, "krisenfest". Dass künftig die Volltexte der Bücher ins Internet gestellt werden, hält er für äußerst unwahrscheinlich. Zum einen sei das unbezahlbar, zum anderen sei das Papier - trotz des berüchtigten Säurefraßes - den neuen Speichermedien immer noch weit überlegen. Deshalb und weil die Bibliotheken weiterhin einen "ungebrochenen Zulauf" haben, sieht er mit Gelassenheit in eine Zukunft, in der Buch und Computer "friedlich koexistieren". Zum Informieren und Nachschlagen werde man den Computer und das Internet nutzen, "zum Lesen und Nachdenken aber das Buch in der Bibliothek oder Badewanne".

Sein Gesprächspartner, der Autor Thomas Hettche, ist zwar kein Bibliotheksfeind ("Ich liebe diesen Ort"), aber er ist vor allem ein bekennender Internetfreund. Auf den ersten Blick jedenfalls. Das Internet sei "beweglicher als es die Schriftkultur je war". Die Kontrolle des Geschriebenen durch Verlage falle weg. Im Internet werde Wissen "gemanagt, nicht mehr gehütet wie in der Bibliothek". Vieles von dem, was heute noch gedruckt wird, werde bald nur noch im Internet zu lesen sein, prophezeite er, und setzte noch einen drauf: "Gedruckte Inhalte werden vergessen werden." Stattdessen dürften wir uns über "herrschaftslose Texte" freuen, über vernetzte Literatur und vernetzte Autorschaften: Jeder soll eingreifen dürfen in den großen Cyber-Netz-Text.

"Aber was würden Sie sagen, wenn jemand in Ihren eigenen Texten herumpfuscht und Veränderungen vornimmt, die Sie nicht verantworten können?", fragte Moderatorin Sigrid Löffler mit einem schelmischen Lächeln. Und sieh mal einer an: Wenn es um das eigene Schöpfertum geht, hört man plötzlich Furcht heraus. "Meine Bücher sollen natürlich als gedruckte Bücher erhalten bleiben." Visionen können manchmal so flüchtig sein wie ein Buchstabe auf dem Bildschirm ...

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