Gesundheit : Zukunft der Schulausbildung: OECD spielt Szenarien durch - neuer Bericht

Bärbel Schubert

Montagmorgen im Jahr 2016: Die neunjähige Christine und der elfjährige Daniel gehen zum Lernen - einfach an ihre PCs zu Hause. Ihre Lernprogramme können sie dort aufrufen. Die Fächer können sie nach ihren Begabungen aussuchen, ihr "Lehrer" erreicht sie über Computer, Korrekturen und Chats eingeschlossen. Das alte Schulgebäude ist längst an eine Firma verkauft. Andere Kinder treffen die beiden beim Sport und beim Theaterspielen.

Zukunftsmusik? Möglicherweise, denn dieser Entwurf ist einer von fünf Szenarien, die die "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung" (OECD) in ihren jüngsten "Bildungspolitischen Analysen 2001" durchspielt. Unter der Frage "Wo liegt die Zukunft der Schulausbildung?" werden dabei die wichtigsten Trends in den Mitgliedsstaaten exemplarisch durchdacht. Die Szenarien sollen es erleichtern, die Folgen der unterschiedlichen Weichenstellungen für die politische Planung überschaubarer zu machen.

"Unser gutes, altes" Schulsystem kommt dabei gar nicht gut weg. Es wird als "Szenario 1: Widerstandsfähige bürokratische Schulsysteme" abgehandelt und spielt die "Fortführung dominanter Schulsysteme" durch, "die durch starke bürokratische Elemente und Druck zur Gleichförmigkeit gekennzeichnet sind". Diese staatlichen Schulen arbeiten mit Lehrern, die Beamte sind. Schulzeit, Drop-out-Zahlen und Unzufriedenheit von Eltern und Wirtschaft nehmen stetig zu. Trotzdem sind die meisten im Grunde gegen einschneidende Veränderungen. Die ingesamt hohen finanziellen Aufwendungen reichen auch nicht, um die gewünschten Änderungen zu realisieren. Diesem Schultyp werden gleichwohl große Verdienste attestiert, doch eher in der Vergangenheit - als "wesentlicher Faktor beim Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft". Eine Neubelebung wird verlangt, mit der Hoffnung: "Neue Entwicklungen, wie IK-Technologien oder eine Lehrerkrise können vielleicht den Status quo doch noch durchbrechen".

Ein deutlicher Push für das gewünschte lebenslange Lernen und dadurch kürzere Zeiten für die Erstausbildung an Schulen und Hochschulen erhoffen die OECD-Experten von einem stärker privatisierten Bildungssystem. Gutscheinsysteme und verschiedene Formen von Management der Bildungseinrichtungen würden dann zur Norm. Märkte für Kinderbetreuung und kulturelles Lernen könnten wachsen und Computer-Technologie ließen sich wesentlich kreativer für das Lernen eingesetzen. Doch auch ein Modell, das dem von der NRW-Bildungskommission angeregten "Haus des Lernens" ähnelt, wird erwogen: Hier werden die Schulen zu "Schlüsselzentren der Gesellschaft". Dazu sollen sie mehr Unterstützung in Hilfe und Geld bekommen. Zugleich genießen sie mehr Anerkennung und werden zum Bollwerk gegen Vereinzelung und sozialen Zerfall. Voraussetzung dafür wäre eine weitgehende Verständigung über Ziele und Werte der staatlichen Bildung sowie mehr Freiräume für die Arbeit.

Über diesen Report sollen Bildungs- und Erziehungsminister in der kommenden Woche beraten. Die OECD erkennt Bildung als den wesentlichen Schlüssel zu Erwerbstätigkeit und Wohlstand in der Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts an. Fragen von Chancengleichheit beim Bildungszugang und die Etablierung des lebenslangen Lernens für möglichst alle Bürger stehen dabei im Mittelpunkt.

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