Zum 100. von Günther Anders : Literarischer Sadismus

100. Geburtstag von Günther Anders: Der Kritiker des philosophischen Fachjargons hätte bis heute viel zu tun

Anatol Schneider

Günther Anders hielt Theodor Adorno vor: „Man kann nicht als ein Professor Nietzsche oder als ein surrealistischer Geheimrat existieren.“ Anders verurteilte Adornos „Vergewaltigung des Lesers“ und schalt den berühmtesten Philosophen seiner Zeit: „Sie wollen den Leser strafen dafür, dass er unterlegen ist. Das ist aber Literatur-Sadismus.“ Wie stehen heute die Chancen der Philosophie, zwischen akademischem Fachjargon und Alltagssprache verständlich zu sein? Anlässlich des hundertsten Geburtstages des 1992 verstorbenen Medienkritikers und Philosophen des Atomzeitalters, Günther Anders, dachte man am Potsdamer Einstein-Forum darüber noch einmal nach. Und zwar „Ganz Anders“ – so der Titel der Tagung.

Nicht für Kollegen

Anders selbst, der bei Cassirer, Husserl und Heidegger studierte, hat den philosophischen Fachjargon frühzeitig abgelegt. „Akademische Ernsthaftigkeit ist lebensweltlicher Unernst“ – auf diese Formel brachte Konrad Paul Liessmann (Wien) Anders’ skeptische Einschätzung der akademischen Philosophie. Da Anders nicht für Kollegen schreiben, sondern zeitlebens eingreifen und gesellschaftliche Wirkung entfalten wollte, stellte sich ihm bald das Problem der begrenzten Reichweite einer gedrechselten Theoriesprache. Ersatz war allerdings nicht leicht zu beschaffen. Die einfache Übernahme der Alltagssprache schien unmöglich. Viel zu sehr „vergröbert“ habe sie sich im 20. Jahrhundert insbesondere durch die Medien – und damit auch die Menschen.

Der Alltagssprache entfremdet

Wie tief die Prägung durch die Sprache reicht, ist der Generation von Philosophen und Schriftstellern, zu der Anders gehörte, nicht zuletzt durch die Erfahrung des Exils zu Bewusstsein gekommen. Im Jahr 1933, dem Jahr der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, emigrierte Anders nach Paris. Drei Jahre später führte ihn sein Weg in die Vereinigten Staaten, wo er sich ziemlich unphilosophisch unter anderem auch mit Gelegenheitsarbeiten bei einem Kostümverleih in Hollywood durchschlagen musste.

Als Anders 1950 nach Europa zurückkehrte, empfand er es als „Frechheit“, dass nun auf einmal wieder Deutsch gesprochen wurde. Anders machte damit, wie Rüdiger Zill (Potsdam) ausführte, die Erfahrung vieler Exilanten: Von Sprache zu Sprache wie von Land zu Land verschlagen, wurde ihm das Deutsche in den Jahren des Exils zur Sprache des intimen Zwiegesprächs mit sich selbst. Der Verkehr mit anderen Menschen fand in der jeweiligen Landessprache statt. Wieder in der eigentlichen Sprachheimat, dehnte Anders sein Unbehagen an der Alltagssprache, die nicht mehr die seine war, auf die philosophischen Fachsprache sowie auf die Philosophie als Fachdisziplin aus.

Den Weg an die Universität zu gehen hat er sich daher, trotz eines Angebots der Freien Universität Berlin Anfang der sechziger Jahre, nicht überwinden können. Erfolg und Anerkennung hatten sich auch ohne die Berufung eingestellt. Mit dem 1956 erschienen Hauptwerk „Die Antiquiertheit des Menschen“ begann Anders’ Aufstieg als philosophischer Technikkritiker und intellektuelles Totemtier der ökologischen Linken. In seinem Buch formulierte er die heute weit über die Grenzen einzelner politischer Bekenntnisse hinaus geteilte Überzeugung, „dass wir der Perfektion unserer Produkte nicht mehr gewachsen sind; dass wir mehr herstellen als vorstellen und verantworten können“.

Das Leben des Menschen in der technikzentrierten Welt fasste Anders in die Formel von der „prometheischen Scham“. Nicht mehr der Mensch ist das Maß aller Dinge, sondern die Dingwelt manipuliert und denaturiert ihren Schöpfer. Leider vergaß Anders in seinem philosophischen Lamento, sich Erklärungsmöglichkeiten vorzubehalten, um das Ausbleiben des totalen Atomkatastrophenszenarios zu erklären. Das war schlicht nicht vorgesehen.

Anders schießt zurück

Mit zunehmender Bekanntheit wuchs auch Widerspruch gegen den Sprachgestus des Werkes unter den Zeitgenossen. Anders befand sich nach eigenem Bekunden plötzlich „in der Schusslinie der Kritik beider Fronten: Zwischen dem Feuer der Menschen, die nicht Philosophen, und dem der Philosophen, die in gewissem Sinne nicht mehr ,Menschen’ sind“. Den einen war er zu philosophisch, den anderen zu belletristisch. Von zwei Seiten unter Feuer hat Anders nicht gezögert, zurück zu schießen. 1963, beinahe vierzig Jahre, nachdem Adorno seine Habilitation in Frankfurt abgelehnt hatte, beklagte sich Anders bei diesem in dem erwähnten geharnischten Brief für die erlittene Kränkung.

Adorno, etwas pikiert über die unfeine Wut, die stellvertretend auf ihn niederprasselte, antwortete distanziert, und nicht etwa selbstkritisch: Er werte Anders’ „strenge Darstellung der Sache“ als „Protest gegen die Kulturindustrie“.

Die Sprache der Philosophie, die Anders kritisiert hat, ist indes nicht so leicht zu erschüttern. Denn Philosophie ist vor allem Spracharbeit und ihr aktueller Jargon spiegelt ihre Rolle in der Gesellschaft wieder. Und die derzeitige Situation ist wenig geeignet, den „lebensweltlichen Unernst“ zu überwinden. Die Philosophie hat durch den Abbruch von Schultraditionen und den Aufstieg der Naturwissenschaften kontinuierlich an Selbstsicherheit verloren. So ist sie beinahe gezwungen, aus Unsicherheit ihre Selbstsicherheit zu übertreiben. Die großen philosophischen Jargons des 20. Jahrhundert sind daher, dem Gießener Philosophen Odo Marquard zufolge, immer auch bedeutende „Selbstsicherheitssurrogate“. Günther Anders habe dies durchschaut. Aber im Versuch einer Versöhnung von Philosophie und Alltagssprache gegen die akademische Philosophie, die „Großsiegelbewahrerin der Abseitigkeit“, sei er selbst in den Jargon abgerutscht: „Bei Anders wird die apokalyptische Warnung zum Jargon der Philosophie.“

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