Gesundheit : Zum 200. Todestag Lavaters: "Stirn und Mund bilden den Charakter ab"

Gerhard Trey

Gesehen haben muss man den Rheinfall bei Schaffhausen und Lavater. So ähnlich lautete die Maxime für Gebildete, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Reise in die Schweiz unternahmen. Wer war dieser Johann Caspar Lavater, dessen Todestag sich heute, am 2. Januar 2001, zum 200. Mal jährt? Er muss, glaubt man den Zeitgenossen, eine ungeheure Ausstrahlung gehabt haben, war bestens informiert und theologisch ambitioniert. Ein Mann mit Tiefgang, aber auch voller Widersprüche. Gelegentlich auch ein bisschen versponnen.

Von Hause aus war Lavater Pfarrer. Er ist 1741 in Zürich geboren. Erstaunlich, wer alles ihn erwähnt. Schon die Liste der Dichter ist lang. Sie reicht von Achim von Arnim über Büchner, Eichendorff, Jean Paul, Gottfried Keller und Lenz bis zu Wieland. Berühmt wurde Lavater vor allem durch seine enge Freundschaft mit Goethe. Seine mehrbändige Schrift zur Physiognomik fand die Anerkennung etlicher Zeitgenossen. An Stirn, Mund, Nase oder Lippe wollte er ausmachen, ob er ein Genie oder einen Verbrecher vor sich habe.

Die Kunst, aus den Gesichtszügen eines Menschen auf seine seelische Haltung zu schließen, ist kein Erzeugnis Lavaters. Schon die Antike kannte solche Versuche. Auch im Mittelalter gab es sie. In der Aufklärung lieferte die Monadenlehre von Leibniz der Idee neue Schubkraft. Wenn jede Monade in ihrer Weise das Universum widerspiegelt, weshalb sollte dann nicht jeder Gesichtszug auch ein Spiegelbild der Seele eines Menschen sein?

Aber Lavater hat das System, um es milde auszudrücken, doch ein wenig überreizt. Am meisten provozierte er mit seiner Physiognomik den Physiker und Philosophen Georg Christoph Lichtenberg. Der Göttinger Wissenschaftler wehrt sich vehement gegen die Vereinfachung und Radikalität, mit der Lavater aus dem starren Gesicht auf das Wesen eines Menschen schließt: "Wenn die Physiognomik das wird, was Lavater von ihr erwartet, so wird man Kinder aufhängen, ehe sie die Taten getan haben, die den Galgen verdienen", schließt er scharfsichtig.

Weshalb neigen Menschen überhaupt zu solchen Kurzschlüssen, die bekannt geworden sind als Begriff vom ersten Eindruck? Der Leiter des Instituts für Psychologie an der Universität Heidelberg, Manfred Amelang, sieht darin das Bedürfnis, die Unsicherheit bei der Begegnung mit Menschen zu reduzieren. Ganz abzuschreiben braucht man nach seiner Meinung aber die Theorie von Lavater nicht. Denn immerhin gibt es Hinweise, dass das Gesicht gewisse Rückschlüsse auf die Intelligenz zulässt. Allerdings liegt die Wahrscheinlichkeit nur leicht über dem Zufall.

Lavater hat sich auch literarisch betätigt, aber diese Versuche sind dem Vergessen anheimgefallen. Trotzdem gibt es so etwas wie den Stürmer und Dränger Lavater. Berühmt wurde sein Kampf gegen den despotischen Landvogt Grebel. Nicht ohne Grund war Goethe in seiner Sturm- und- Drang-Zeit von Lavater begeistert, auch wenn er innerlich immer eine gewisse Distanz hielt. Gerade in religiösen Fragen war kein Konsens möglich. Nach der Italienreise Goethes kam es zur Entfremdung. Der Klassiker Goethe wollte Lavater bei seiner Reise in die Schweiz 1797 trotz Überredungsversuchen von Freunden nicht mehr besuchen.

Mit seiner Physiognomik hat Lavater zumindest indirekt literarische Spuren hinterlassen. So im Werk Schillers. Die Germanistin Claudia Stockinger von der Universität Karlsruhe verweist auf "Die Räuber" und den "Verbrecher aus verlorener Ehre". Dort werden etwa Franz Moor und Christian Wolf als hässliche Menschen präsentiert. Aber Schiller will damit nicht zeigen, dass ihre Physiognomien ihre Anlage zum Verbrechen widerspiegeln. Vielmehr ist es gerade umgekehrt: Die Gesellschaft hat sie wegen ihrer Hässlichkeit in das Verbrechen getrieben. So gesehen verfasste Schiller einen Appell gegen Lavaters Theorie.

Verblüffend, dass selbst Lichtenberg nach einem Treffen mit Lavater sich positiv über ihn äußerte. Lavaters Tod spiegelt Geschichte. In den Wirren des zweiten Koalitionskrieges wurde er 1799 von einer Kugel getroffen. Zuvor war er schon als Geisel in die kriegerischen Auseinandersetzungen verwickelt worden. Nach zwei Jahren schlimmen Siechtums starb er am 2. Januar 1801.

In Zürich wird man Lavater am 2. Januar in der Peterskirche gedenken, und im Februar kommt die erweiterte Wiener LavaterAusstellung in die Stadt an der Limmat.

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