Gesundheit : Zum Doktor drängt doch alles

Von George Turner, Wissenschaftssenator a.D.

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Zum Doktor drängt, am Doktor hängt doch alles. Nun hat auch der Bundeskanzler einen Ehrendoktor, sogar von einer Fakultät der Universität, an der er studiert hat, aber nicht promoviert worden ist. Weder das eine noch das andere ist für sich ungewöhnlich, aber doch bemerkenswert. Nur ein verhältnismäßig geringer Anteil der Absolventen eines juristischen Studiums erwirbt anschließend den DoktorGrad; verhältnismäßig viele Politiker werden mit einem Dr. h. c. dekoriert.

Nun sollte man das wohlwollend zur Kenntnis nehmen, wenn es denn den von den Universitäten selbst gesetzten Voraussetzungen entspräche und die Geehrten ihren Titel den Regeln entsprechend gebrauchen würden. In den entsprechenden Satzungen der Hochschulen heißt es allerdings, dass einen Dr. h. c. verliehen bekommen kann, wer eine wissenschaftliche Leistung erbracht hat. Üblicherweise sollen schriftliche Arbeiten anerkannt werden, die der zu Ehrende verfasst hat.

Waren es ursprünglich fast nur Wissenschaftler, die von Schwesterfakultäten mit einem Ehrendoktor bedacht wurden, so kam es nach und nach zu einer Öffnung auch für Praktiker, die im Laufe ihres Berufslebens einschlägige Leistungen erbracht hatten. Irgendwann kam jedoch die (Un-)Sitte auf, auch Politiker mit dem Dr. h. c. zu belohnen – etwa für ihren Einsatz für eine Institution. Der Einwand, dies sei doch im Grunde ihre Aufgabe, verfängt ebenso wenig wie der Hinweis, dass – wenn schon – ein Ehrensenator die adäquate Auszeichnung wäre.

Auf einem anderen Blatt steht der Gebrauch des Titels. In der Tat üben Veranstalter, wenn sie einen so Dekorierten bei sich haben, vorauseilenden Gehorsam, indem der Betroffene als „Dr. XY“ angekündigt wird – ohne h.c. Mögen anfangs noch Hinweise durch den einen oder anderen erfolgen (es gibt übrigens mittlerweile auch die eine und die andere), dass der Zusatz fehle: Irgendwann geben sie den Widerstand auf.

Allerdings sollte man nicht glauben, Politiker seien auf diesem Gebiet besonders anfällig. Repräsentanten der Wirtschaft sind es mindestens ebenso. Der Unterschied: Weil die finanzielle Ausstattung besser ist, werden die Visitenkarten meist schon vor dem Verleihungstermin gedruckt. Just in time.

Wen das alles stört, kann im Grunde nur dem konsequenten Fortschritt das Wort reden: das Diplom mit Konfirmation oder Jugendweihe, den Doktor als Zugabe zum Führerschein und den Professor bei einem Einkommen von über 100000 Euro.

Wer mit dem Autor diskutieren möchte, kann ihm eine E-Mail schreiben: g.turner@tagesspiegel.de

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