Gesundheit : „Zum Losschreien“

Die „taz“ fällt bei den Studenten in Ungnade und wird besetzt

Tilmann Warnecke

SPAREN UND PROTESTIEREN AN DEN UNIS

Die Woche begann gestern schlecht für „taz“-Chefredakteurin Bascha Mika: Die Maus ihres Computers war geklaut. Ihre Kollegen vom Layout vermissten ihre Mäuse ebenfalls. Damit war die Produktion der Zeitung akut gefährdet. Die Diebe warteten bereits in der allmorgendlichen Redaktionskonferenz auf Mika: Etwa fünfzig Studenten aller Berliner Universitäten hatten die „taz“-Redaktion besetzt. Sie hängten Transparente mit der Aufschrift „Ideologiekritik statt Sparzwang“ aus den Fenstern und forderten, die Titelseite mit eigenen Texten vollschreiben zu dürfen.

„Die ,taz’ leistet ihren Beitrag zur unhinterfragten Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse“, begründeten die Studenten in einer schriftlichen Erklärung die Besetzung des links-alternativen Blattes in der Kochstraße. Der Springer-Verlag, Lieblingsfeind früherer Studentengenerationen, blieb dagegen verschont. Denn die Protestierenden wollten nachholen, „was die ,taz’ unserer Meinung nach allzu oft verpasst hat: Texte zum Nachdenken und Losschreien“. Sagen wollten die Studenten zu der Besetzung allerdings erst einmal nichts. „Lesen Sie doch morgen die Zeitung“, empfahl ein Student vor dem Gebäude den Passanten. Nur Besucher, die wie „taz“-Mitarbeiter oder Studenten aussahen, durften durch den Hintereingang rein. „Uns geht es nicht um das Medienecho, sondern um die Inhalte“, meinte eine Studentin vor der Tür und verschwand. Warum sie dann gerade eine Zeitung besetzen, mochte sie nicht erklären.

Innen einigten sich Besetzer und Redaktion auf einen Kompromiss: Die Studenten bekommen zwei Seiten in der Kulturbeilage „taz zwei“, die „taz“-ler schreiben einen Artikel zu den Protesten auf Seite Eins.

Zur Mittagszeit arbeiteten deswegen zwei Redaktionen parallel. Die Studenten saßen an einem großen Tisch vor der Cafeteria und diskutierten, welche Texte sie veröffentlichen. „Wir haben ja noch ein bisschen Zeit“, beruhigte eine Studentin zwei streitende Kommilitonen, die sich nicht über einen Artikel einigen konnten. Andere Besetzer schien die Redaktionsarbeit bereits zu ermüden. Stattdessen inspizierten sie, was sich hinter den vielen Türen im „taz“-Gebäude versteckt. Zur Anfeuerung drehten sie ein Autoradio vor dem Gebäude laut auf und spielten den Song „Firestarter“ von der Band Prodigy.

In der Berlin-Redaktion der „taz“ waren blockierende Studenten nicht zu sehen. Auch Gaby Sohl, die Assistentin von Bascha Mika, saß an ihrem Platz und hatte bereits eine Ersatz-Maus für ihre Chefin organisiert. „Wir lassen uns nicht erpressen“, meinte Sohl. Die Zeitung betrachte die Studenten zwar als ihre Gäste. „Wir sind aber Journalisten und keine Studentenvertreter. Wir drucken keine Flugblatttexte ab.“ Dass die „taz“ jetzt für einige Streikende anscheinend die Rolle einnimmt, die früher Springer gehörte, nahm Sohl als Kompliment: „Das heißt doch, dass wir eine gute, große Zeitung sind, die die Studenten als Ansprechpartner ernst nehmen.“

Die Besetzer ließen sich von freundlichen Worten aber nicht umstimmen. Bei ihrer Pressekonferenz kündigten sie an, solange in der Redaktion bleiben zu wollen, bis sie einen „taz“-kritischen Artikel auf der Seite Eins schreiben dürfen – sollte die Besetzung auch Tage dauern.

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