Gesundheit : Zur Zukunft der Wissenschaft: Weg vom "Supertechniker"

Adelheid Müller-Lissner

Noch Im 20. Jahrhundert erhielt er den Nobelpreis für Chemie für Erkenntnisse, die im Bereich der Medizin zur Untersuchungstechnik der Kernspin- oder Magnetresonanz (MR)-Tomografie führten. Die Zustandsänderung von Atomkernen in starken Magnetfeldern kann damit genutzt werden, um Bilder von Gehirn, Leber, Niere, Herz und Kreislauf zu gewinnen, ohne den Körper dafür einer Strahlenbelastung auszusetzen. Angefangen hatte das naturwissenschaftliche Interesse von Richard R. Ernst wie so viele Forscherkarrieren mit der Chemikalienkiste des Onkels, die er auf dem elterlichen Dachboden fand. Die Chemie, so fand er später, ist eine "universelle Quelle für das Naturverständnis". Die auf der Magnetresonanz aufbauenden Verfahren sollten sich als "Leitern auf den Baum der Erkenntnis" nützlich machen.

Am Dienstagabend war der Professor aber von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich in die Urania gekommen, um über ein anderes Thema zu sprechen: die Wissenschaft im 21. Jahrhundert. Er versprach den Zuhörern "keinen hohen Unterhaltungswert, sondern einen Vortrag über die Verantwortung der Wissenschaft", doch er bot mühelos beides zugleich.

Wissenschaftler, so das Credo des Nobelpreisträgers, müssen lernen, auf zwei Ebenen zu wirken: Auf der Forschungsebene in die Tiefe ihres Spezialgebiets, auf der Verantwortungsebene in die Breite der Gesellschaft. Ernst fordert viel von sich und seinen Kollegen: Weit mehr als Politik und Wirtschaft haben seiner Ansicht nach die Universitäten die Aufgabe, Konzepte für sinnvolle gesellschaftliche Entwicklungen zu liefern. Er hofft auf eine "neue Universität, die eine Führungsrolle in ethischen Fragen übernehmen könnte", auf Unvoreingenommenheit und objektives Urteil unparteiischer Wissenschaftler. Dass die Wissenschaft überhaupt in der Lage ist, diese anspruchsvolle Aufgabe zu erfüllen, ist für Ernst aber angesichts eines Trends zum naturwissenschaftlichen "Supertechniker" keinesfalls ausgemacht. "Doch man muss immer wieder artikulieren, dass eine ideale Welt anders aussehen würde." In dieser Welt würden zum Beispiel bevorzugt Professoren auf Lehrstühle berufen, die nicht nur viel und gut publiziert haben, sondern über breit gefächerte Bildung und eine globale Sicht verfügen.

Der Wissenschaftler wäre zugleich Botschafter des Wissens, Denkanstöße für die Gesellschaft würden vermehrt aus der akademischen Welt kommen, deren Vertreter es verstünden, auf der Klaviatur der Medien zu spielen. Vor allem aber würden sie es verstehen, Studenten gut auszubilden, die ihre Bildung anschließend in die Gesellschaft weitertragen. Wie personengebunden diese Fähigkeit und die Gabe des Begeisterns sind, davon gab der Vortrag ganz nebenbei eine deutliche Vorstellung.

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