Gesundheit : Zurück in den Mutterleib

KATJA WINCKLER

Früher wurden hier Zigaretten produziert, heute zeigen 50 Diplomanden der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ihre Abschlußarbeiten.Lange Zeit stand die ehemalige Zigarettenfabrik in der Pankower Hadlichstraße leer.Bis zum 23.Oktober aber können Interessierte durch den in den 20er Jahren errichteten Bau flanieren.Die karge Fabrikhalle mit den eierschalenfarbenen Wänden und dem fleckigem Boden vermittelt sozialistischen Charme.Genau das richtige Ambiente, um in der ersten gemeinsamen Diplomanden-Ausstellung aller Fachgebiete Arbeiten aus den Bereichen Kommunikations-Design, Produkt- und Flächendesign, Bühnenbild, Architektur, Bildende Kunst und Malerei zu präsentieren.

Inge Mahn, Professorin für Bildhauerei in Weißensee, zeigte sich mit den Ergebnissen ihrer Diplomanden zufrieden."Es ist uns sehr wichtig, gerade in den ersten Jahren Grundlagen zu vermitteln.Daher ist es erstaunlich, wie stark sich die Arbeiten hier von der Schule gelöst haben." Interessant ist auch, wie sehr sich die unterschiedlichen Genres verwischen.So ist in der Ausstellung im Bereich Malerei keineswegs nur Malerei zu finden: Die von Katrin Dittrich "Heimat" betitelten Arbeiten beispielsweise sind 60er Jahre-Fotografien, die per Siebdruckverfahren reproduziert und auf Metallplatten gedruckt sind.

Leuchtendes Beispiel dafür, daß Grenzverschiebungen zwischen den Kunstgattungen stattgefunden haben, sind auch die "Lux"-Module von Lucas Kühne und Ingo Fröhlich.Im Sinne von Recycling haben die beiden Diplomanden gebrauchte Lichtröhren gesammelt und in den Raum plaziert.Da liegen sie, rund, eckig und in unterschiedlicher Länge, mal übereinandergelegt, mal in schlichte Holzgestelle gehängt.Immer von allen Seiten sichtbar.Der Kabelsalat drumherum dürfte von den beiden Künstlern ironisch gemeint sein.

Astrid Kirchner, Diplomandin im Bereich Bildhauerei, setzt auf Innerlichkeit.Sie will zurück in den Mutterleib.Dazu krabbelt die zierliche junge Frau in ihren Performances splitterfasernackt in selbstgestaltete Drahteier, die sie mit Wolle umwickelt hat.Zusammengekauert spinnt sie sich wie eine Seidenraupe mit besonders feinem Draht ein, um sich später - nach heftigem Kampf - daraus wieder zu befreien.Für den Betrachter dürfte dieser Vorgang schmerzhafter sein und stärkere klaustrophobische Gefühle auslösen als für sie selbst."Ich will mich verstecken, sichtbar machen und verwandeln.Und irgendwie hat das Ganze auch etwas von einem Geburtsvorgang", sagt sie.

Mindestens genauso spektakulär ist Christof von Bürens Rauminstallation.Der Roman des russischen Satirikers Michail A.Bulgakov "Der Meister und Margarita" stand hier Pate.Wie in der Literaturvorlage, die sich um den Teufel dreht, geht es auch hier mit unerklärlichen Dingen zu.Von Büren hat dazu in der Halle einen quadratischen Raum mit vier Türen an jeder Ecke errichtet, aus dem altmodische Musik dringt.Teuflischerweise läßt sich immer nur eine Tür öffnen, und niemand kann den Raum durch deiselbe Tür verlassen.

Das Interieur im Raum ist karg: Eine braune Heizung und ein Telefon, dazu ein abgelaufener Parkettfußboden und eine kleingemusterte, vergilbte Blümchentapete, zudem Heizungsgeräusche und Stimmen von Nachbarn.Wie durch eine Zeitmaschine fühlt man sich in die 20er, 30er Jahre zurückversetzt - die Ära, in der der Roman auch entstanden ist."Ich habe den Roman mindestens sechsmal gelesen und Bulgakovs Sprache in meine Arbeit übersetzt - auch die Ironie", sagt Christof von Büren.Vielleicht erklingt deshalb aus dem schwarzen Telefon Lionel Richies "Hello".

Die Ausstellung ist noch bis 23.Oktober täglich zwischen 13 und 17 Uhr zu sehen.Alte Zigarettenfabrik, Hadlichstraße 44, Pankow, Nähe S-Bahnhof Pankow.Am Sonnabend und SonntNichts wie weg: Drei Senatoren auf dem Sprungag jeweils um 15 Uhr zeigt Astrid Kirchner ihre Performance.

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