Gesundheit : Zurück in die Zukunft

Vorausblickend: Die Freie Universität will ein Institut für „Future Studies“ gründen und Studenten ausbilden

Amory Burchard

Wie sieht Berlin im Jahr 2000 aus? Eine Arbeitsgruppe um den jungen Volkswirt Eckard Minx an der Freien Universität prognostizierte 1975: „Die Stadt ist wiedervereinigt und die Sowjetunion existiert nicht mehr.“ Das seien „völlig unsinnige Vorstellungen“, urteilte die Institutsleitung und brach das Projekt ab. Die Zukunftsforschung hatte einen schlechten Start an der FU. Der gescholtene Visionär aber, Eckard Minx, ist heute Leiter des größten Think Tank der deutschen Zukunftsforschung, der Forschungsabteilung „Gesellschaft und Technik“ bei Daimler Chrysler. Jetzt will die Universität Versäumtes nachholen – und ein Institut für Zukunftsforschung gründen. Initiator ist der Erziehungswissenschaftler Gerhard de Haan, der bereits den Arbeitsbereich Erziehungswissenschaftliche Zukunftsforschung leitet.

„Unsere Industriegesellschaft wandelt sich zur Wissensgesellschaft“, sagt de Haan. An diesem historischen Wendepunkt sei die Zukunftsforschung ein Gebiet, das die Universität für sich reklamieren müsse. Vor allem in der Bildung sei es eine zentrale universitäre Aufgabe, sich mit Zukunftsfragen zu befassen. Wie sehen zukunftsfähige Curricula für Schulen aus? Was bedeutet es für das Englisch-Lernen, wenn wir spätestens 2018 perfekte und für jedermann erschwingliche Übersetzungsmaschinen haben? Die Bildungsforschung beschäftige sich heute praktisch nicht mit technologischen Innovationen und veränderten Kommunikationsstrukturen, sagt de Haan. Auch an die anderen Kernthemen der zukünftigen Entwicklung – wie Mobilität, Bauen und Wohnen, Ernährung oder Dienstleistungen – gingen die Hochschulen bislang „eher konventionell“ heran statt interdisziplinär und im Hinblick auf „wünschbare Zukünfte“.

Was ist Zukunftsforschung? „Zukunft ist ein knappes Gut“, erklärte Eckard Minx kürzlich im Potsdamer Einstein Forum. Angesichts der ökologischen Altlasten stehe die Gesellschaft unter einem enormen Veränderungs- und Bewahrungsdruck: „Wir brauchen eine langsame Menschheit und schnelle technische Entwicklungen.“ Also: sparsamer mit Ressourcen umgehen und moderne Technologien einsetzen, die die Umwelt schonender nutzen. Zukunftsforscher müssen die Welt systematisch beobachten, kommende Probleme früh erkennen und dann fragen, durch welche Faktoren sie heute und in der Zukunft beeinflusst werden könnten. So entstehen Szenarien oder „wild cards“, die möglicherweise nie Realität werden. Die Aufgabe der Forscher aber sei es, darüber nachzudenken, „wie man sie gestalten könnte“ – im Hinblick auf das Wohl künftiger Generationen. So zu denken, müsse man mühsam lernen. Wissenschaftlern falle es schwer, „die Verteidigungslinien gesicherter Erkenntnisse preiszugeben“. Minx ist dafür, dies „systematisch zu lehren“, spricht sich aber gegen ein universitäres Institut aus. Multidisziplinäre Zukunftsanalytik sollte in alle Fächer integriert werden.

„Wenn wir jetzt kein Institut gründen, geht ein Forschungsbereich an uns vorbei“, sagt dagegen de Haan. Hier zu Lande gibt es Zukunftsforschung bislang nur in Unternehmen oder Privatinstituten. Während in den USA, Großbritannien, Japan und Finnland „Future Studies“ an den Unis installiert sind, existiert in Deutschland kein Studiengang.

Für das von ihm geplante Interdisziplinäre Zentrum und einen Masterstudiengang Zukunftsforschung will de Haan im Herbst dieses Jahres gemeinsam mit sechs Kollegen, darunter Soziologen, Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaftler und Psychologen – einen Arbeitsplan vorlegen. Und dann tritt das Projekt seinen Gang durch die Gremien der FU an. Es in Zeiten eines enormen Spardrucks auf die Universitäten zu finanzieren, sollte kein allzu großes Problem sein, sagt de Haan. Auch andere Zentren hätten schon mit einem Professor angefangen. Und ein Aufbaustudiengang könnte über Studiengebühren finanziert werden.

Der designierte Präsident der FU, Dieter Lenzen, rät de Haan, „gleich mal eine Stiftungsprofessur einzuwerben“ – und räumt den Plänen große Chancen ein. Lenzen will die FU auf einen neuen Kurs bringen. Dabei geht Lenzen von neuen gesellschaftlichen Erwartungen an die Hochschulen aus: Sie sollen Folgen technologischer Entwicklungen abschätzen und hochrangige Politikberatung bieten. Eines der wissenschaftlichen „Cluster“, die Lenzen über den Fachbereichen in interdisziplinären Schwerpunkten ansiedeln will, ist die Zukunftsforschung.

Und wie sieht Berlin in 25 Jahren aus? Rolf Kreibich, wissenschaftlicher Direktor des Berliner Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, sieht ein positives Szenario: „Berlin wird die Stadt der Wissenschaft und greift die tatsächlichen Probleme der Gesellschaft auf – wie die großen ökologischen Probleme oder die Altersentwicklung der Industriegesellschaft.“ Und das Worst-Case-Szenario? „Dass wir weiterhin im Bankenskandal und in Pleiten versinken, anstatt den Sumpf trockenzulegen.“

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