Gesundheit : Zurückhaltend und selbstbewusst Die Politikwissenschaftlerin

Helga Haftendorn wird 70

Gunther Hellmann

Keiner kann sich die Zeit aussuchen, die er mitgestalten will. Genugtuung kann aber bereiten, an der Epoche, in die man hineingeboren wird, so aktiv teilgenommen zu haben, dass sie als Glücksfall betrachtet wird. Die Berliner Politikwissenschaftlerin Helga Haftendorn, die heute ihren 70. Geburtstag feiert, gehört zu einer Generation, die ihr Werk in diesem Sinne Revue passieren lassen kann. Sie hat die Schrecken des Krieges am eigenen Leib erfahren, und sie hat mitgeholfen, ein Deutschland zu schaffen, in dem Frieden und Freiheit nicht nur Schlagworte in politischen Sonntagsreden waren.

In Haftendorns Werk zählen zu diesen Früchten mehrere Standardwerke und zahllose Aufsätze zur Außenpolitik der Bundesrepublik und zu Fragen der Sicherheitspolitik. Ihr jüngstes Werk, in dem sie die außenpolitische Erfolgsgeschichte der Bonner Republik nach der „Methode des Souveränitätsgewinns durch Souveränitätsverzicht“ in beeindruckender Weise rekonstruierte, gehört zur Pflichtlektüre in jedem Außenpolitikseminar. Es liefert aber auch jedem zeitgenössischen Praktiker deutscher Außenpolitik vielfältiges Anschauungsmaterial dafür, dass Zurückhaltung und Selbstbewusstsein, nationale und europäische Interessen, Loyalität gegenüber den Partnern und Prinzipienfestigkeit keine Widersprüche sind.

Auch das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Politikwissenschaft und praktischer Politik hat Haftendorn nie für unauflösbar gehalten. Dies fällt ihr umso leichter, als an ihrer professionellen Unabhängigkeit und ihrer persönlichen Geradlinigkeit niemand zweifelt. Ihre Arbeiten werden in renommierten Fachzeitschriften publiziert, aber auch in politiknahen Einrichtungen gelesen. Als erste Nicht-Amerikanerin wurde sie 1991 zur Präsidentin der renommierten International Studies Association, der wichtigsten Fachvereinigung im Feld der internationalen Beziehungen, gewählt. Ihre Mitwirkung in der Weizsäcker-Kommission zur Reform der Bundeswehr, ihre Mitherausgeberschaft der Akten-Edition zur deutschen Außenpolitik und eines ihrer jüngsten Forschungsprojekte über die Bedeutung von Sicherheitsinstitutionen mit Kollegen an der Harvard University markieren die Breite ihrer Interessen und ihres Engagements.

Dass sie bei all diesen Verpflichtungen kaum einen Seminartermin verpasste, haben ihr ihre Studenten immer hoch angerechnet. Wie viele ihrer Kollegen hat auch sie sich nach ihrer Emeritierung nicht zur Ruhe gesetzt. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen bleiben ihre professionelle wie persönliche Leidenschaft – gewiss ein Feld, in dem das Augenmaß, das politische Entwicklungen historisch und strategisch einzuordnen vermag, mehr denn je gebraucht wird. Gunther Hellmann

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