Gesundheit : Zusage unter Palmen - Der Weg vom Studenten zum Verlagslektor

Sonja Kastner

Gibt es ein Leben nach dem Studium? In unserer Rubrik erzählen in loser Folge Absolventen und Abbrecher über ihre erste Zeit "draußen". Wenn Sie selbst noch nicht länger als drei Jahre von der Uni weg sind, und an dieser Stelle über ihre Bemühungen berichten wollen, schicken Sie ein kurze Nachricht mit Ihrer Telefonnummer an die Campus-Redaktion des Tagesspiegel, 10 876 Berlin, Stichwort "Umsteiger".

"Nach meinem Studium in Publizistik und Germanistik bin ich erst einmal in ein tiefes Loch gefallen. Ich war damals 31 Jahre alt und dachte: Niemand braucht mich. Aus heutiger Sicht betrachtet, hatte ich richtig Existenzangst. Mittlerweile arbeite ich als Lektor in einem Verlag für Sachbücher.

Die Zeit meines Studiums habe ich genossen, denn ich lebte in zwei unterschiedlichen Welten. In der Uni habe ich mir den Luxus geleistet, mich nur mit den interessanten Dingen zu beschäftigen. Nebenher arbeitete ich als Foto-Assistent. Dabei bin ich zwar nicht in der gesamten Weltgeschichte herumgedüst, aber ich habe schon einiges kennengelernt. Zum Beispiel habe ich Helmut Newton in Berlin herumkutschiert und ihm das Stativ gebracht, wenn er seine Stadtlandschaften fotografiert hat. Einmal sind wir auf die Kanaren geflogen, um Justus Frantz auf seiner Finca zu fotografieren. Am nächsten Tag stand in der Uni wieder die "Geschichte der Öffentlichen Kommunikation" auf dem Programm.

Nach Schule und Zivildienst wollte ich zunächst fotografieren. Als ich mit der Ausbildung fertig war, war es ganz schön schwierig, in der Branche einen Fuß in die Tür zu bekommen. In meinem Spezialgebiet, der Werbefotografie, war in Berlin kurz nach der Maueröffnung nur wenig los.

Bei meiner Magisterarbeit über "Science Fiction in der NS-Literatur" stellte ich fest, dass das Thema weitgehend unbearbeitet ist. Also plante ich eine Doktorarbeit. Mir war klar, dass ich neben der Promotion auch Berufserfahrung sammeln wollte. Bei mehreren Verlagen habe ich mich für ein Praktikum beworben - zunächst ohne positives Ergebnis. Ich hätte nicht gedacht, dass es sogar mit Hochschulabschluss so schwierig ist, einen Platz für ein unbezahltes Praktikum zu bekommen.

Meine Doktorarbeit wollte ich über Stipendien finanzieren. Leider hat auch dies nicht richtig geklappt, weil das Thema aus dem Bereich Trivialliteratur bei den Prüfungskommissionen der Studienstiftungen nicht gut ankam. Vielleicht war ich den Damen und Herren auch schon zu alt. Immerhin bekam ich ein DAAD-Auslands-Stipendium für ein Vierteljahr. Ich fuhr nach Kalifornien zur Stanford-University, um dort den Nachlass eines NS-Funktionärs aus dem Propaganda-Ministerium zu untersuchen.

Als ich einmal - quasi unter Palmen - meinen Anrufbeantworter in Berlin abgehört habe, überraschte mich die Zusage von einem Verlag. Mein Doktorvater hatte mir den Tipp gegeben, mich dort zu bewerben, da er selber ein Buch in dem Verlag veröffentlicht hatte. Nach einem Praktikum wurde mir eine Stelle als Lektor angeboten. Die Doktorarbeit hatte sich damit für mich erledigt. Heute bin ich froh, dass ich kein längeres Stipendium bekommen habe.

Als Berufsanfänger habe ich am Anfang ganz schön viel dazugelernt. Plötzlich musste ich mit Fotografen über Bildhonorare verhandeln. Und von Projekt-Management hatte ich als Einzelkämpfer auch keine Ahnung. Gott sei dank haben mir meine lieben Kollegen am Anfang viel geholfen. Da ich in einem kleinen Verlag arbeite, habe ich - gerade im Vorfeld der grossen Buchmessen - keine freien Wochenenden. Mit meinem Job als Lektor bin ich trotzdem sehr zufrieden. Vielleicht auch, weil ich sowohl mit Texten als auch mit Bildern zu tun habe. Das ist eine Kombination, von der ich immer geträumt habe. Ich bin froh, dass ich endlich Nägel mit Köpfen gemacht habe." Protokoll: Sonja Kastner

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