Gesundheit : Zwanzig Bücher dürfen in die Zelle

ROMAN LESKOVAR

Das Studium hinter Gittern ist schwierig, aber nicht unmöglich / In Berlin gibt es 22 Häftlinge, die studierenVON ROMAN LESKOVAR "Bitte Ruhe, Klausur!" verkündet ein DIN-A4 großer Zettel an der Eingangstür.Drinnen fühlt man sich sofort in die Schulzeit zurückversetzt: Bänke, kreisförmig angeordnete Tische und die obligatorische Tafel an der Wand bilden das spärliche, typische Mobiliar eines Klassenzimmers.Einzig die Gitter vor dem Fenster und die wachhabende Aufsichtsperson mit dem dicken Schlüsselbund in der Hand zeugen davon, daß man sich hier nicht in einem "normalen" Klassenzimmer befindet, sondern in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel. Die Knaststudierenden sind an der Fernuniversität Hagen eingeschrieben, die seit 1979 Inhaftierten die Möglichkeit bietet, ein Studium hinter Gittern aufzunehmen.Von den 22 Berliner Knaststudenten befinden sich die meisten in der JVA Tegel, doch nur die wenigsten werden wohl auch einen Abschluß erwerben."Wir haben zur Zeit nur drei abschlußorientierte Studierende in Tegel", erklärt Renate Schulz vom Studienzentrum der Fernuniversität Hagen der FU Berlin."Alle übrigen sind lediglich als Gasthörer eingeschrieben".Ursache dafür ist die fehlende Hochschulzugangsberechtigung.Nur sehr wenige Häftlinge verfügen über das Abitur und können dementsprechend kein reguläres Studium aufnehmen. Die Bedingungen für die Studierenden im Knast haben sich in den letzten Jahren etwas verbessert, die strenge Gefängnisverordnung bereitet den Inhaftierten aber nach wie vor zahlreiche Probleme.Ob Literatur, Schreibutensilien oder Papier - jeder Gegenstand, der über die spärliche Grundausstattung einer Zelle hinausgeht, muß über Anträge genehmigt werden.Zudem dürfen bestimmte Bücherkontingente nicht überschritten werden, um die Übersichtlichkeit der Hafträume sicherzustellen."Mehr als zwanzig Bücher sind nicht erlaubt.Der Rest lagert im Keller und darf nur im Tausch gegen andere Bücher auf die Zelle gebracht werden", erzählt Rainer K., der Philosophie, Soziologie und Jura als Magisterstudiengang belegt hat. Er gehört zu den wenigen privilegierten Studierenden, die auf finanzielle Unterstützung von außen zurückgreifen können."Ohne das Geld meiner Familie könnte ich mir kaum ausreichend Forschungsliteratur über den Buchhandel bestellen oder regelmäßig das Porto für Material aus Hagen aufbringen.Billige Angebote wie antiquarische Bücher oder die begehrte Bibliotheksausleihe sind aufgrund von Schmuggelgefahr verboten", ergänzt er.In seiner bescheidenen Zellenbibliothek glänzen einige Bände der teuren "encyclopedea britanica".Die Wände schmücken unzählige DIN-A 4 Blätter, auf denen er in winziger Handschrift die Aufzeichnungen für seine nächste Hausarbeit angefertigt hat.Während in den studentischen Haushalten Computer längst zum festen Inventar gehören, greifen die Knaststudierenden in der Regel noch zu Papier und Bleistift.Computer sind zu teuer und auch nur gegen sehr aufwendige Genehmigungsverfahren erhältlich. Zur Zeit sind die drei auf einen Abschluß zielenden Studierenden in den besseren Teilhaftanstalten untergebracht.Die Zellen werden hier nur noch abends abgeschlossen, und es ist für Knastverhältnisse verhältnismäßig ruhig."In dem Altbau, in dem ich mich vorher befand, sah das ganz anders aus.Dort hallte es extrem auf den Gängen, so daß man sich auch in den Hafträumen kaum auf seine Arbeiten konzentrieren konnte", erinnert sich Reinhard F., der in Tegel gerade ein Studium der Wirtschaftswissenschaften aufgenommen hat. Reinhard hat bereits vor seiner Inhaftierung einen Studiengang abgeschlossen und kennt daher recht gut die Besonderheiten im Knast."Mir fehlt vor allem der Kontakt zu Kommilitonen und Lehrenden", beschreibt er seine Situation."Es gibt Studientexte, die kann man eigentlich nur mit Unterstützung bearbeiten.Es kommt aber logischerweise kaum jemand von der Fernuni hierher.Deswegen muß man sich mit dem telefonischen Kontakt begnügen.Da aber jeder Häftling nur über eine Telefonkarte im Wert von 50 Mark verfügen darf und man in der Regel auch mit seiner Familie telefonieren möchte, ist man doch weitgehend auf sich allein gestellt".Rainer hat noch eine vierjährige Haftstrafe zu verbüßen, hofft allerdings bald in den offenen Vollzug überstellt zu werden.Als eingeschriebener Teilzeitstudent arbeitet er tagsüber und widmet sich erst gegen Nachmittag seinem Studium."Das Geld verwende ich zum Teil für neue Bücher", begründet er seine Entscheidung.Auf BAföG möchte er nicht zurückgreifen, um ein Leben nach der Haft nicht mit Schulden zu belasten. Bisher ist es noch keinem Häftling in Berlin gelungen, das Studium noch während der Haftzeit abzuschließen.Aufgrund der zahlreichen Schwierigkeiten brechen viele Studierende vorzeitig ab, andere wiederum gelangen vorzeitig in die Freiheit.Rainer K.hingegen will in jedem Fall noch vor der Entlassung abschließen.Dafür wäre er sogar bereit, auf den vielfach ersehnten offenen Vollzug zu verzichten."Vielleicht klingt es ungewöhnlich, aber ich glaube, daß ich nur hier die Möglichkeit habe, mein Studium tatsächlich auch abzuschließen.Draußen würden mich wieder so viele Probleme erwarten, daß ich wahrscheinlich kaum Zeit zum Studieren hätte und vielleicht wieder auf dumme Gedanken käme".

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