Gesundheit : Zwei Berliner Forscher folgen einer neuen Spur nach Vineta, der sagenumwobenen Stadt des Mittelalters

Torsten Krüger

Vineta sei das Atlantis des Nordens. Als Ibrahim Ibn Jaqub im 10. Jahrhundert als Gesandter des Kalifen von Cordoba durch Mitteleuropa reiste, berichtete er von einer großen Stadt am Weltmeer, die zwölf Tore, einen Hafen und eine gewaltige Streitmacht habe. "Es ist wirklich die größte von allen Städten, die Europa birgt", erzählte auch der weitgereiste Dänenkönig Sven Estridsen dem Geographen Adam von Bremen nach einem Besuch in Vineta. "In ihr wohnen Slawen und andere Stämme, Griechen und Barbaren. Die Stadt ist angefüllt mit Waren aller Völker des Nordens, nichts Begehrenswertes oder Seltenes fehlt."

Vor etwa 850 Jahren soll diese sagenumwobene Stadt in der Ostsee versunken sein. Die Liste der Wissenschaftler, die versucht haben es zu finden, ist lang und birgt Namen wie Robert Virchow. Mit den Ausgrabungen auf der polnischen Insel Wollin, wo Virchow 1936 Reste einer umfangreichen slawischen Siedlung fand - die er allerdings für eine germanische Wikingersiedlung hielt - schien das Rätsel um Vineta gelöst. Seit den fünfziger Jahren hat dort der polnische Archäologe Wladislaw Filipowiak die Reste von vier Häfen und mehreren Handwerkervierteln freigelegt. Viele Wissenschaftler und auch Filipowiak selbst meinen seitdem, mit Wollin sei zumindest der Ursprung der Sage von Vineta gefunden.

"Es gibt keinen Zweifel, dass es diese untergegangene Weltstadt wirklich gegeben hat", sagt Klaus Goldmann, Oberkustos des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Berlin. Allerdings glaubt er schon lange nicht mehr an die Wollin-These. Zu viele Widersprüche gebe es zwischen der geographischen Lage Wollins und den mittelalterlichen Quellen, vor allem zu den Angaben des Geografen Adam von Bremen.

Schon vor Jahren haben sich daher Goldmann gemeinsam mit dem Berliner Historiker Günter Wermusch erneut mit den mittelalterlichen Quellen beschäftigt und über Ortsnamen gebrütet. "Die Lösung kam dann mit Ptolemäus", erzählt Wermusch. Der antike Geograf verzeichnete für die Ostsee vier große Flussmündungen, von denen bislang nur drei der Oder zugeordnet wurden. Die vierte, die bei Ptolemäus Chalusos heißt, hielt man bislang für die Trave. Goldmann allerdings ist überzeugt: der Chalusos ist nichts anderes als der vierte Ausfluss der Oder, deren Hauptarm im Mittelalter nördlich von Schwedt in ein Urstromtal abgebogen und in westliche Richtung nach Demmin und weiter nach Ribnitz-Damgarten geflossen ist, wo er dann in die Ostsee mündete. Und genau hier, so die beiden Berliner Historiker, ist auch Vineta zu suchen. Versunken im Schlick des Barther Boddens, nachdem die Dänen die Deiche durchstochen hatten, die den flachen Bodden vor dem Wasser der Ostsee schützten.

Goldmann und Wermusch sind überzeugt, dass der Bodden einmal fruchtbares Marschland gewesen sei - trockengelegt durch Deiche, Dämme und Schleusen und vielleicht sogar mühlenbetriebene Schöpfwerke: den hölzernen Stadtkern von Vineta. "Natürlich war es keine Stadt nach heutigen Maßstäben", schreiben die beiden Forscher in ihrem kürzlich erschienenen Buch, "sondern ein über die Jahrhunderte gewachsener Verbund von ländlichen Niederlassungen, die mit einer größeren Handels- und Hafensiedlung einen Wirtschafts- und Verwaltungsdistrikt bildeten." Ein Distrikt, der sich über ein Gebiet von immerhin vierhundert Quadratkilometern erstreckte, wie Goldmann anhand seiner Ausgrabungen und Funde errechnet.

Gegen die These der beiden Historiker regt sich allerdings auch Widerspruch, besonders vom geografischen Institut der Universität Greifswald. Ein Abfluss der Oder in nordwestlicher Richtung sei aus hydrologischer Sicht praktisch ausgeschlossen, heißt es, es mangele am notwendigen Gefälle. Saaler Bodden und Oderhaff hätten nahezu die gleiche Wasserspiegelhöhe. Auch habe die Oder das besagte Urstromtal vor mehr als 10 000 Jahren verlassen und für die Boddenlandschaft zwischen dem Darß und dem mecklenburgischen Festland sei erwiesen, dass sie sich seit Jahrtausenden nicht verändert habe. Das bestreiten die beiden Historiker auch nicht unbedingt. Sie vermuten vielmehr, all dies seien die Folgen menschlicher Tätigkeit. "Eingriffe vor 600 oder 1000 Jahren können durch die geologischen Untersuchungen überhaupt nicht nachgewiesen werden", erklärt Günter Wermusch. "Da müssen andere Methoden her". Dieser Auffassung scheint sich auch Friedrich Lüth, Landesarchäologe von Mecklenburg-Vorpommern nicht verschließen zu können. Seit dem vergangenen Jahr unterstützt er die Suche der beiden Historiker mit modernsten Mitteln. Im vergangenen Herbst sei so bei einem sonargestützten Tauchgang im Bodden bei Barth eine Pfostenreihe entdeckt und ein gepflasterter Weg im trüben Wasser ertastet worden.

Um auch das zweite Argument der Geografen anzugehen, sollen in diesem Jahr Bohrungen im Urstromtal durchgeführt werden. Anhand der Sedimentablagerungen will man die Fließrichtungen eindeutig bestimmen können. Klaus Goldmann ist überzeugt: dann werde noch ein weiteres Axiom der Wissenschaft ins Wanken geraten, dass der Deichbau in der Ostseeregion vor dem 12. Jahrhundert unmöglich gewesen sei.

Das Buch von ist im Lübbe Verlag erschienen und kostet .Klaus Goldmann und Günter Wermusch: ""Vineta, die Wiederentdeckung einer versunkenen Stadt", Lübbe Verlag, 39,80 Mark.

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