Gesundheit : Zwei Mütter der modernen Universität?

Tilmann Warnecke

Was die Massenuni ihren Studenten zumutet, erfuhren die Erstsemester der Freien Universität Berlin gleich bei ihrer Immatrikulationsfeier. Wer gestern nicht zwanzig Minuten vor Beginn in der Silberlaube aufkreuzte, wurde von einer FU-Angestellten freundlich, aber bestimmt am Eintritt gehindert: „Der Hörsaal ist leider schon voll.“ Lange Gesichter bei vielen Erstsemestern, die wenig tröstete, dass sie die Feier per Videoübertragung in einem anderen Raum verfolgen konnten.

Selbst FU-Präsident Dieter Lenzen war vom Andrang überrascht. Ob er heimlich an der Zugkraft des Festredners gezweifelt hatte? Loriot, Peter Ustinov und Hildegard Hamm-Brücher begrüßten in den letzten Jahren die Erstsemester. Diesmal war es Christian Bode. Der Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes dürfte Studienanfängern kaum bekannt sein. Er bereitete sie indes auf weitere Zumutungen vor. In vielen Fächer müssten Studenten ins Ausland gehen, wenn sie wissenschaftliche Exzellenz erleben wollten. Die deutschen Unis hinkten hinterher. Die FU, die sich laut Lenzen als „internationale Spitzenuni“ versteht, nahm Bode nicht aus.

Wenig erbauliche Worte hörten die Erstsemester am Montag auch an der Humboldt-Uni. Conny Schmalfuß, HU- Jurastudentin und Olympia-Medaillengewinnerin im Turmspringen, referierte über „Leistung“ – und betonte, dass ihre Professoren wenig Verständnis für die Doppelanforderung Leistungssport und Uni aufbringen. Wer die Immatrikulationsfeiern der beiden konkurrierenden Unis vergleichen konnte, bleibt unentschieden. Begrüßt wurden die Studenten von FU-Präsident Lenzen und seinem HU-Kollegen Hans Jürgen Prömel jedenfalls gleich lautend: Sie könnten stolz sein, an der Mutter der modernen Universität zu studieren. Prömel bezog sich auf die Gründung der Berliner Uni 1810, Lenzen auf die Rolle der FU nach 1948. Bands spielten munter auf, Studentenvertreter wiederholten die Anklagen gegen die Präsidenten, die sie jedesmal vortragen. Der Ansturm auf die alkoholischen Freigetränke nach der Feier war hier wie dort groß.

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