Gesundheit : Zwischen Biedermeier und World Wide Web

MAJA SCHWEER

Zufrieden schiebt Arthur Imhof, Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität (FU) Berlin, die Seminararbeit eines seiner Studenten ins Laufwerk.Es ist eine CD-ROM, auf der Berliner Ansichten des Biedermeier zu sehen und Musik dieser Zeit zu hören ist.Mittels eines Quicktime Virtual Reality Programs kann sich der Benutzer einen beliebigen Ausschnitt einer Stadtansicht heraussuchen.Nicht ganz so realistisch wie bei einer dreidimensionalen Simulation - aber dennoch beeindruckend plastisch - entsteht der Eindruck, als stünde man Mitte des 19.Jahrhunderts selbst an der Spree.

Wie geht das zusammen: Biedermeier und World Wide Web? Für Arthur Imhof sind das keine gegensätzlichen Begriffe.Er ist begeistert von den Möglichkeiten, die die elektronischen Medien der Geschichtsdarstellung eröffnen."Geschichte ist doch auch nicht schwarz-weiß und tonlos." Aus diesem Grund bietet er Seminare an, in denen Geschichte "multimedial" vermittelt wird.Um beispielsweise die kulturgeschichtliche Entwicklung des Saiteninstruments Laute nachzuvollziehen, hat er mit Studenten akustische Beispiele, Videosequenzen von Lautenspielern und verschiedene Gemäldedarstellungen der Laute ins Internet gestellt."Die Studenten lernen, sich inhaltlich und technisch mit dem Thema auseinanderzusetzen, und die Allgemeinheit profitiert von den Webseiten."

Konventionelle Seminare unterrichtet Imhof schon länger nicht mehr.Bedingung für die Teilnahme an seinen Kursen ist, daß Studenten Webseiten selbst gestalten können, sich mit Bildbearbeitungsprogrammen auskennen und einiges über CD-ROM Produktion wissen."Ich akzeptiere auch keine Papierausdrucke mehr, Seminararbeiten erstellen die Studenten in Form von Webseiten und CD-ROMs".Aber natürlich treffe er sich mit seinen Studenten weiterhin persönlich in wöchentlichen Kursen."Es ist nicht so, daß wir nur noch per Computer kommunizieren", wehrt er lachend die Vision von anonymen "webbetreuten" Seminaren ab.

Was aber machen diejenigen Studenten, die nicht über diese technischen Vorkenntnisse verfügen? Von Ausgrenzung könne da keine Rede sein, so Imhof: "Interessenten können Kurse bei der Zentraleinrichtung für Datenverarbeitung der FU belegen, außerdem lernen sie in den Kursen voneinander." Er selbst habe sich alles selber beigebracht und, so fügt er hinzu, selbst finanziert.Die Deutsche Forschungsgemeinschaft halte seine Projekte für "Spielerei" und habe finanzielle Unterstützung abgelehnt.Aber mittlerweile sei er daran gewöhnt, mit seinen Ideen auf Ablehnung zu stoßen.Ein Kollege, mit dem er gemeinsam eine Zwischenprüfung in Neuerer Geschichte abnahm, habe ihn mit den Worten unterbrochen: "Das ist doch keine wissenschaftliche Prüfung!" Dabei habe er den Prüfling lediglich gefragt, was für themenbezogene Bibliographieangaben er im Internet gefunden habe.

"Die Studenten sind von den Kursen allerdings begeistert", fügt der Professor hinzu."Ich bekomme Anfragen von Studenten aus der ganzen Welt, die im Netz auf mein Seminarangebot gestoßen sind und teilnehmen möchten." Das sei im Prinzip auch kein Problem, ihre Universität müsse lediglich seine Form des Leistungsnachweises akzeptieren.Allerdings, so Imhof, werden diese Fernlehreprojekte von der eigenen Universität nicht besonders gern gesehen.Schon öfters habe er zu hören bekommen, daß er dafür bezahlt werde, Berliner Studenten zu unterrichten.Solche Hinweise empfindet er als nicht mehr zeitgemäß, der Sinn des Internets sei ja gerade die weltweite Kommunikation.

Fast schon eine Selbstverständlichkeit ist die Tatsache, daß seine Doktoranden ihre Doktorarbeit im Netz publizieren.Früher habe man viel Geld für das Drucken von 150 Exemplaren aufbringen müssen, jetzt reichten zusätzlich zur Online-Dissertation fünf gebundene Computerausdrucke."Und das Beste ist", freut sich der Professor, "daß es dadurch mit der Publikation viel schneller geht.Während es sonst zwei Jahre dauern kann, bis das gedruckte Werk steht, kann die Arbeit so schon einen Tag nach dem Rigorosum im Netz abgerufen werden."

Zusätzlich zu der Chance, mit ihren Arbeiten weltweit wahrgenommen zu werden, erhalten die Studenten laut Imhof die Möglichkeit, sich technisch zu qualifizieren.Seine Studenten würden aufgrund dieser Zusatzqualifikation leichter Arbeitsplätze finden.Warum sollte man dann aber ausgerechnet Geschichte studieren, wenn man anschließend als Dozent für Computer Based Training arbeitet? Solche Einwände will Professor Imhof nicht gelten lassen.Bei vielen Berufen im Bereich der elektronischen Medien komme es darauf an, Inhalte vernünftig zu vermitteln."Und da haben Geisteswissenschaftler, die über das entsprechende Handwerkszeug verfügen, größere Chancen als reine Informatiker."

Kontakt: http://www.fu-berlin.de/aeimhof/

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