Gesundheit : Zwischen Depression und Euphorie

Minsker Studenten im Berliner Bildungsexil

Amory Burchard

„Bitte kein Foto“, sagt Anna leise. Die 22-jährige Informatikstudentin hat Angst um ihre Familie in Weißrussland. Sie ist aus einem Land nach Berlin gekommen, in dem Oppositionsparteien verboten werden, Dissidenten auf geheimnisvolle Weise verschwinden und in dem der Staat nichts unternimmt, um politische Morde aufzuklären. Vor zwei Tagen sind Anna und 17 weitere Studenten aus Minsk in Berlin eingetroffen, um an der Freien Universität ihr Studium fortzusetzen.

Die Hochschule, an der Anna und die anderen vor drei bis fünf Jahren ihr Studium aufnahmen, wurde im August dieses Jahres von Staatspräsident Alexandr Lukaschenko geschlossen. Vorher hatte das Regime des letzten europäischen Diktators jahrelang Druck auf die an westlichen Werten orientierte Europäische Humanistische Universität (EHU) ausgeübt.

Anna steht gemeinsam mit vier Kommilitoninnen abseits, während sich die anderen zum Gruppenfoto mit FU-Präsident Dieter Lenzen aufstellen. Aber auch sie wollen lieber nur ihren Vornamen nennen. „Als die Schließung drohte, haben wir viele öffentliche Aktionen gemacht“, sagt Lisa. Immer mehr Polizei sei aufgetaucht, bis die Studenten aufgaben. „Wir erfuhren, dass es sehr gefährlich ist, zu protestieren“, sagt Jurij.

„Wir stehen zwischen Depression und Euphorie“, erklärt Psychologiestudent Nikita. Der Schock der willkürlichen Schließung ihrer mit 1000 Studierenden kleinen, aber mit etlichen europäischen Partneruniversitäten und 60 internationalen Gastdozenten privilegierten Hochschule sitzt ihnen in den Knochen. Der Abschied von ihren Familien fällt den Anfang 20-Jährigen schwer. Aber die Immatrikulation in Berlin sehen sie als große Chance, doch noch einen international anerkannten Abschluss zu machen. Das Bildungsministerium in Minsk drängte sie, an eine staatliche Uni zu wechseln. „Aber das Niveau ist dort sehr niedrig“, sagt Lisa. Man wäre ihnen feindlich begegnet, „weil wir europäisch orientiert sind – und gelernt haben, frei zu denken.“

Diplome und Staatsexamina seien das Ziel des einjährigen Gaststudiums, sagt FU- Präsident Lenzen. Die bisherigen Studienleistungen der Minsker sollten unbürokratisch anerkannt werden; möglichst auch die der beiden Jura-Studentinnen. Deutsch sprechen alle, die meisten fließend. Das gehörte an der EHU dazu, sagt einer. Wohnen können die Gäste in Studentenwohnheimen. Schwieriger sei es, ihren Aufenthalt zu finanzieren, sagt Gottfried Gügold, Leiter der Abteilung Außenangelegenheiten. Für drei Studenten gibt es FU-Stipendien, eines stiftet die Ernst-Reuter-Gesellschaft und ein weiteres die Heinrich-Böll-Stiftung. Andere Studenten werden aus dem Solidaritätsfonds unterstützt, den die Minsker Universität für in Not geratene Studenten anlegte. Aber noch fehlen einige Stipendien.

In Deutschland hat neben der Freien Universität noch die Europa-Universität in Frankfurt (Oder) EHU-Studenten aufgenommen. Sie seien dankbar für den warmen Empfang in Berlin, sagt Anna. Trotzdem wolle sie in einem Jahr nach Minsk zurückkehren. „Wir möchten dort leben und arbeiten.“ Hier sei sie „einfach als Gaststudentin“ und nicht als Bildungs-Asylantin, betont Anna. Alle nicken zustimmend – mit bedrückten Mienen. Die Angst vor Repressionen sitzt offenbar tief. Gibt es denn Hoffnung auf einen demokratischen Wandel in der Heimat? Haben gut ausgebildete, westlich orientierte Informatiker, Psychologen und Juristen dort eine Perspektive? „Eine Perspektive gibt es nicht, aber die Hoffnung besteht“, sagt Nikita.

Ein Spendenkonto hat die Ernst-Reuter-Gesellschaft der FU Berlin eingerichtet: Berliner Sparkasse, Konto: 101 001 0111; BLZ: 100 500 00 (Stichwort: EHU Minsk). Informationen beim Außenamt der FU unter 030-838 73 416.

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