Gesundheit : Zwischen Hörsaal und Hockey

US-Unis buhlen um Spitzensportler. Studentische Athleten in Deutschland haben es schwerer

Tilmann Warnecke

Schade, dass Tibor Weißenborn nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Denn Tibor, der Student, muss für das Vordiplom lernen und diese Woche in einem Hörsaal in Berlin-Hohenschönhausen zur ersten Klausur antreten. Doch Tibor, der Hockeyspieler, hat einen dringenden Termin in Athen. Da sich das olympischen Hockeyturnier wegen einer Prüfung schlecht verschieben lässt, wird der Sportwissenschaftsstudent sein Vordiplom erst in einem halben Jahr ablegen.

Tibors Teamkollegen in der Hockeymannschaft geht es ähnlich: Die Elf, die in Athen aufläuft, könnte auch als akademisches Dream Team bestehen. Im Tor des amtierenden Welt- und Europameisters steht ein angehender Luft- und Raumfahrtingenieur. Der Goalgetter ist ein Wirtschaftsingenieur, eingeschrieben an der Uni Hohenheim. Im Sturm werfen sich ein Biologie- und ein BWL-Student dem Gegner entgegen, und neben Tibor spielen im Mittelfeld ein Jurist, ein Mediziner und ein Politologe.

In anderen Sportarten sieht es ähnlich aus. Petra Dallmann, Medizin-Studentin an der Universität Heidelberg, schwimmt in den Freistilstaffeln um Gold. Der Fechter Ralf Bißdorf, an der Universität Augsburg in Fach Politik eingeschrieben, gewann schon in Sydney Silber. Ein Drittel aller deutschen Olympia-Starter ist an einer Hochschule immatrikuliert. In Berlin sind es noch ein paar mehr: 23 von 60 Athleten, die aus der Hauptstadt in Athen starten, pendeln zwischen Sportplatz und Seminar. „Auf Medaillenjagd! Sechs TU-Studierende sind bei den Olympischen Spielen dabei“, freut sich die Technische Universität auf ihrer Homepage. Von der Humboldt-Universität kämpfen sogar zehn Studenten um Edelmetall.

So selbstverständlich, wie es die Zahlen suggerieren, ist der Spagat zwischen Elite-Sport und Massen-Uni allerdings nicht. Weil sie sich die Doppelbelastung nicht zumuten wollen und können, beenden nach Schätzungen des Deutschen Sportbundes drei Viertel aller Spitzensportler, sobald sie sich an der Uni einschreiben, ihre Sportkarriere. Das entspricht aber keineswegs dem Wunsch der Sportfunktionäre. „Wir wollen die Athleten ermutigen, Sport und Uni zu kombinieren“, sagt Jochen Zinner, Leiter des Berliner Olympiastützpunktes.

Doch wer geht schon gerne wie Tibor Weißenborn vor der ersten Vorlesung vierzig Minuten laufen, sucht in der Mittagspause statt der Mensa für zwei Stunden den Kraftraum auf und fährt abends nach der Uni ins ferne Zehlendorf, um dort nochmal zwei, drei Stunden mit der Bundesligamannschaft des Berliner Hockey Clubs zu trainieren? Der 23-Jährige nennt das „Erholung“, für die meisten wäre es eine Strapaze.

Für Tibor wird es erst richtig anstrengend, wenn die Hockey-Nationalspieler auf einwöchige Lehrgänge fahren. Dort scheucht der Bundestrainer seine Spieler fast rund um die Uhr übers Feld. In jeder der wenigen freien Minuten muss Tibor seinen Schläger gegen ein Buch eintauschen. Dann lernt er selbstständig den Stoff, den der Professor den Kommilitonen gerade im Seminar erklärt. Tibor hat im Sommer nur einen Schein gemacht – schließlich hatte er im vergangenen Jahr auch noch fünfzig Länderspiele zu absolvieren.

In den USA, in Australien oder Asien reißen sich die Hochschulen um Olympiateilnehmer, als seien sie Nobelpreisträger. Spitzensportler bekommen Stipendien, eigene Stundenpläne und oft leichtere Prüfungsanforderungen. Diese Bedingungen locken auch deutsche Sportler an. Birte Steven beispielsweise, die in Athen über 200 Meter Brust startet und erst während ihres Psychologie-Studiums an der Oregon State University in die Weltklasse schwamm.

An deutschen Hochschulen ist die Situation für Spitzensportlerinnen und -sportler „deutlich schlechter als anderswo“. Das sagt kein Sportfunktionär, sondern Winfried Hermann, Bundestagsabgeordneter der Grünen. Bis vor kurzem gehörten Fälle wie die des Modernen Fünfkämpfers Sebastian Dietz zum Sportler-Alltag. Der mehrfache Deutsche Meister verpasste 1998 als Medaillenkandidat einen Mannschaftsstart bei der WM. Seine BWL-Professoren an der Freien Universität Berlin weigerten sich, ihm Nachschreibetermine für seine Klausuren anzubieten.

Ähnlich erging es Britta Heidemann, Olympia-Degenfechterin aus Köln. Sie wechselte das Studienfach, nachdem die Professoren ihr bedeuteten, dass sie als Ausgleich für ihre Abwesenheit bei Weltcup-Turnieren bessere Leistungen erbringen müsse als die Kommilitonen.

Inzwischen beginnen einige Hochschulen jedoch umzudenken. Tibor Weißenborn gehört zur ersten Sportler-Generation, denen das Projekt „Partnerhochschulen des Spitzensports“ den Spagat zwischen Uni und Sport etwas erleichtert. Seine Humboldt-Universität hat wie 55 weitere Hochschulen in Deutschland mit dem Deutschen Sportbund, dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband (adh) und einem Olympiastützpunkt einen Vertrag abgeschlossen. Darin versprechen die Hochschulen, Athleten bei ihrer Terminplanung entgegenzukommen. Ein Koordinator dient den Sportlern als Ansprechpartner und vermittelt beim Streit mit Professoren. Den meisten Sportlern geht es nicht um ein abgespecktes Studium wie in den USA, sondern nur um ein bisschen Flexibilität.

Ein „Riesenvorteil“ sei das für ihn, sagt Tibor nach vier Semestern Studium: „Ich darf fehlen, so oft ich will, nur begründet muss es sein.“ Ohne Unterstützung könnte ihm der Uni-Alltag schnell entgleiten. Zu bestimmten Seminaren lässt sein Fachbereich nur die Studenten zu, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt anmelden. Wenn dann gerade das Länderspiel in Südafrika angepfiffen wird, sähe es mit der Seminar-Teilnahme schlecht aus. Dank der neuen Regelung kommt er auch noch später in die Kurse.

Der Hochschulsportverband wertet das Projekt gerade aus und hat herausgefunden, dass die Partnerhochschulen fünfmal mehr Anträge auf Freistellungen und das Verschieben von Prüfungen bewilligen als die anderen. „Viele Unis entdecken den Spitzensport neu“, folgert Olaf Tabor, Generalsekretär beim adh, denn in den letzten zwei Jahren verdoppelte sich die Zahl der Partnerhochschulen. In Zeiten, wo viele Massen-Unis gerne Elite-Hochschulen werden würden, lasse sich mit Spitzensportlern genauso gut werben wie mit Elite-Wissenschaftlern.

Wäre Tibor Weißenborn Fußballer, könnte er Millionen verdienen. Als „Weltnachwuchsspieler des Jahres“ wurde er 2002 ausgezeichnet, etliche Medaillen holte er bei wichtigen Turnieren. Doch als Hockeyspieler verdient er keine Millionen, also kümmert er sich um seine berufliche Karriere. So wird Tibor, der Hockeyspieler, bald Tibor, dem Studenten, den Vortritt lassen: „Das Studium ist letzten Endes wichtiger als der Sport.“

Uni und Olympia

151 der 450 deutschen Olympiastarter sind nach Angaben des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes an Hochschulen immatrikuliert. 36 Prozent studieren Wirtschaftswissenschaften, es folgen die Sportwissenschaftler mit 31 Prozent. Medizin, Mathematik und Jura sind ebenfalls stark vertreten. Unter den Wasserballern befinden sich die meisten Studenten (76 Prozent). Die Hockeyspieler und -spielerinnen reisen mit 65,6 Prozent Studierenden nach Athen, beim Rudern (knapp 48 Prozent) und Segeln (47 Prozent) ist der studentische Anteil ebenfalls überdurchschnittlich hoch.

Unter den 60 Berliner Teilnehmern sind zum ersten Mal mehr Studenten (23) als Angehörige von Sportfördergruppen der Bundeswehr und des Bundesgrenzschutzes (21). Von der TU geht zum Beispiel die angehende Lebensmittelchemikerin Maike Nollen (Kanu) an den Start, von der FU die Pharmazie-Studentin Petra Niemann (Segeln). tiw

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