Gesundheit : Zwischen Niedergang und Elite

Berlins Universitäten vor der nächsten Sparrunde

Anja Kühne

Berlins Universitäten drohen weitere massive Kürzungen. Wenn das Bundesverfassungsgericht die Haushaltsnotlage der Stadt nicht anerkennt, wird der Senat weiter sparen. „Das ist doch kein Geheimnis“, sagte Bert Flemming, Fraktionssprecher der SPD, jetzt bei einer Diskussion der Berliner Wissenschaftlichen Gesellschaft und der Initiative „an morgen denken“ um die Zukunft der Hochschulen. Flemming rechnet mit Auflagen aus Karlsruhe: „Berlin darf nicht mehr ausgeben als andere Länder. Aber mehr als andere Länder gibt Berlin nur für Kultur und Wissenschaft aus.“

Noch stellen die Unis ihre Weichen nicht auf Niedergang, sondern auf Elite. Beim Wettbewerb um die Spitzenforschung wollen sie Millionen einwerben. Doch Berlin muss 25 Prozent beitragen. Eine typische Sparlösung wäre es, wenn die Politik die Unis zwingen würde, die mindestens 16 Millionen Euro selbst zu erbringen. Dem widersprach Flemming: Die Unis würden das Geld mit Sicherheit zusätzlich bekommen.

Ob es dazu jemals kommt, ist ungewiss. Seit Monaten wird das von der Bundesregierung angestoßene Projekt von den Unionsländern, an der Spitze Hessens Ministerpräsident Roland Koch, blockiert. Wissenschaft in Deutschland sei viel zu föderal organisiert, sagte Detlev Ganten, der Vorstandsvorsitzende der Charité. Trotzdem gebe es keinen Grund, „auf die Kochs dieser Welt zu schimpfen“: Die Wissenschaft müsse sich „an die eigene Nase fassen“. Sie habe keine Kraft, ein Signal an die Gesellschaft zu senden und die Blockade durch öffentlichen Druck zu beenden. „Wie sonst kann es sein, dass ein – ich will nicht sagen armseliger – Ministerpräsident alles aufhalten kann?“, fragte Ganten. „Warum gehen die Wissenschaftler nicht auf die Straße?“ Selbstmitleid ist nicht Gantens Sache. Weder Deutschland noch Berlin hätten einen Grund dafür, „in Sack und Asche zu laufen“, sagte er. Man sei international sehr wohl konkurrenzfähig.

Klaus W. Hempfer, Vizepräsident der FU, hat für Roland Kochs Bedenken Verständnis. Denn umstritten ist allein die dritte Säule des Wettbewerbs, die Förderung von „Gesamtstrategien der Spitzenforschung“, also ganzer Unis. Hempfer befürchtet, das Geld würde nach undurchsichtigen Kriterien verteilt. Für TU-Präsident Kurt Kutzler geht es im Elite-Wettbewerb um viel mehr als um Geld. „Schon die Teilnahme bringt die Universitäten weiter, selbst wenn sie nichts zusätzlich einheimsen“, sagte er.

Die Hochschulen müssen sich bewegen. Das können sie aber nicht, wenn alle gleich viel zu sagen haben: „Die Viertelparität wird die Universitäten in den Ruin treiben“, sagte Jürgen Mlynek, Präsident der Humboldt-Universität, zu Plänen des Senats, den Einfluss der Professoren in den Gremien zurückzuschneiden. Günter Stock vom Vorstand der Schering AG forderte deshalb „eine Willenserklärung der Politik“, die Unis nicht zu bevormunden. Ein öffentliches Bekenntnis gegen die Viertelparität ließ Bert Flemming sich aber nicht abtrotzen.

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